Das Stück trägt an diesem Abend den falschen Titel. „Marinelli“ müsste Lessings Trauerspiel heißen, denn der intrigante Strafgefangene des Bösen ist der düstere Star des Abends. Wie Jürgen Sarkiss in schwarz-weißem Ganzkörperanzug mit gelbem Halstuch seinen Körper unter alle Verbalknuten biegt und trotzdem seinen Perückenkopf oben behält, wie seine Gesichtsmuskulatur sich in die verzerrtesten Fratzen hineinfrisst, seine Finger Lufttänze der Gespreiztheit ausführen und die Figur auf der messerscharfen Linie zwischen Lächerlichkeit und Menschenverachtung schlenzen lässt, das ist schon ein Schauspiel für sich. Herbert Fritsch inszeniert „Emilia Galotti“, das hat nach der viel gelobten „Nora“ seine Logik. Bricht die bürgerliche Frau hier aus dem Laufstall der Alltagslügen aus, so legt Lessing mit dem Mord des Vaters an seiner Tochter Emilia als Rettung vor feudalen Lüsten dafür die ideologische Spur. Wie in der „Nora“ ist auch hier Fritschs Frauenbild eher gewöhnungsbedürftig. Die weiß geschminkte Emilia mit blassroter Nase (Angela Falkenhan) ist eine Mischung aus Clown und Porzellanpuppe. Voller Faszination beobachtet sie ihre sich langsam in der Luft drehenden Hände. Ein auf sich selbst bezogenes Wesen ohne Bodenhaftung, dem die Heirat mit dem Grafen Appiani genauso gleichgültig ist wie dessen von Marinelli inszenierter Unfalltod oder seine anschließende Verfrachtung in die feudale Lustgrotte des Prinzen Gonzaga (Martin Hohner als weinerlich orgelndes, wutstampfendes Kind).
Fritsch macht kaum einen Unterschied zwischen Adels- und Bürgerbrut: In Anlehnung an Commedia dell’Arte, Stummfilm und Screwball Comedy werden die Münder wild aufgerissen, die Augen in den weiß geschminkten Gesichtern gerollt, die Körper in den knallbunten historischen Kostümen verdreht – und bürgerliche Hysterie wie feudale Geziertheit können gleichermaßen gemeint sein. Das schnurrt in seiner puppenhaften Adrettheit ab wie ein durchgeknalltes Theatermaschinchen und entgeht anfangs nicht der Gefahr selbstgenügsamen Virtuosentums. Ein Grundproblem von Fritschs Inszenierungskunst. Man schaut den unglaublich präzisen Schauspielern zu und fragt sich irgendwann: Kommt da noch was?
Es kommt noch was. Schon die an Mozartkompositionen angelehnten Einwürfe von Otto Beatus am Flügel, der neben zwei Frauenportraits einzigen Deko auf der Oberhausener Bühne, setzen einen wirkungsvollen Kontrapunkt. Die Brüchigkeit der überzüchteten Gräfin Orsina (Nora Buzalka) zwischen Tirilieren im Diskant und sarkastischen Schüssen aus der Reifrockhüfte bereiten dann den Showdown vor. Torsten Bauer als Vater Odoardo laviert sonor zwischen Unterwerfung und Selbstbehauptung, um seine Tochter aus dem adeligen Sündenpfuhl zu retten, während Marinelli und der Prinz tief ins Fintenrepertoire greifen und schließlich den Pater Familias aggressiv herumschubsen, während Mozarts Requiem – gesungen vom Ensemble – das Geschehen untermalt. Der Zusammenprall von Pathos, grotesker Übersteigerung und Brutalität funktioniert derart perfekt, dass man sich in einem spannenden Krimi glaubt, der seine Leiche allerdings erst ganz am Ende vorzeigt. Sehenswert.
„Emilia Galotti“ | R: Herbert Fritsch | Theater Oberhausen | 6.11., 18 Uhr, 21.12. 19.30 Uhr | Karten: 0208 857 81 84
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