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„Die Wildente“,
Foto: Sebastian Hoppe

Rouladen an Wäscheleine

Ibsens „Wildente“ geht baden

Äste werden hervorgekramt, aus Kissen die Federn geschüttelt, Plüschtiere fliehen erschreckt in die Ecken, Blut spritzt an die Wände. So kommt es, wenn man in den eigenen vier Wänden auf die Pirsch geht. Die Familie Ekdal funktioniert den eigenen Dachboden zur Lichtung um, auf der Opa den Henrystutzen schwingt, während Papa den Apportierhund mimt. Für die von der Leine gelassenen Wildteddys sind die Mutter und Tochter Hedvig zuständig. Die Beute hängt schließlich in Form von Rouladen über der Wäscheleine. Säße man nicht in einer Aufführung von Ibsens „Die Wildente“, man fühlte sich an einen Sketch von Loriot erinnert.
Daniela Löffner hat das Personal in ihrer Düsseldorfer Inszenierung in einen Dach-boden aus Fichte Natur (Bühne: Claudia Kalinski) mit integrierter umlaufender Sitzbank gesperrt. Da hocken nun die acht Schauspieler permanent auf der Szene und warten; wer gerade dran ist, begibt sich in die Mitte der Spielfläche. Das erinnert ein wenig an den im vergangenen Jahr verstorbenen, grandiosen Jürgen Gosch und bleibt doch nur ein schwacher Abklatsch. Irgendwie ähnelt alles einer gruppendynamischen Sitzung, bei der jeder sein Problem ausagiert. Man weiß alles vom anderen, doch keinen kümmern die fremden Luftschlösser des Daseins.
Hjalmar Ekdal ist bei Rainer Galke ein butterweicher Gemütsbär, der gar nicht wissen will, dass seine geliebte Hedvig im hellblauen Krakenkostüm (Lisa Arnold) nur seine Stieftochter ist. Ehefrau Gina (von Katharina Abt als Patentmutti gespielt) hatte sich noch als Hausmädchen vom alten Konsul Werle (Pierre Siegenthaler) schwängern lassen und dann schnell den gutmütigen Möchtegernfotografen Hjalmar geheiratet, der beruflich ein Tagträumer ist und sich aushalten lässt – bis nun Werles Sohn Gregers in die Stadt kommt und seinem Wahrheitsfuror die Sporen gibt. Was diesen jungen Mann eigentlich antreibt, wieso er das „Netz der Lügen“ zerreißen und aus den Ekdals eine „wahre Familie“ machen will, das lässt Thiemo Schwarz kaum erahnen. Er ist weder Idealist, noch Fanatiker, noch Fundamentalist, dessen reine Lehre andere mit Leben erfüllen sollen. Er führt einfach nur aus, was das Stück vorgibt.
Waren bisher alle mit ihren Lebenslügen glücklich, so herrscht nach der Wahrheitsattacke Schmalspurentsetzen. Hjalmar räumt die Jagdsauerei auf und gibt plötzlich den lauen und schnell erlahmenden Streiter für die Tugend, der blasse Matthias Fuhrmeister als Dr. Relling wirft sich für die gesunde Selbsttäuschung in die Brust. Doch keine der Figuren kann an diesem Abend die existenzielle Dringlichkeit von Aufklärung oder Verschweigen glaubhaft machen. Warum die Lebenslüge lebensförderlicher sein kann als ein gnadenloser Wahrheitsjakobinismus, was das Stück im Zeitalter von allgegenwärtiger Virtualität und beschworener Authentizität uns zu sagen hat, all das erfährt man nicht. Am Ende liegt ein toter Krake auf der Bühne als babyblaue Jagdtrophäe einer Inszenierung ohne Konzept und Idee.



„Die Wildente“ von Henrik Ibsen I R: Daniela Löffner
Düsseldorfer Schauspielhaus I 3./8./11./12.12., 19.30 Uhr

HANS-CHRISTOPH ZIMMERMANN

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