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In Oberhausen wird Jelineks „Winterreise“ gespielt,
Foto: Presse

Reise durch den Stillstand

Dreimal Elfriede Jelinek - Theater demnächst 10/11

In der nächsten Zeit leuchtet das literarische Nitroglyzerin über dem Ruhrgebiet. Nitroglyzerin, Dynamit, Nobel, Nobelpreis. Elfriede Jelinek. Die wichtigste Dramatikerin der Zeit. Eine Heldin der Trostlosigkeit im positiven Sinne. Der Wuppertaler Schauspielintendant Christian von Treskow beginnt den Reigen mit der Inszenierung von „Die Kontrakte des Kaufmanns“. Das ist ein wilder Parforce-Ritt durch die Tiefen des Wirtschaftslebens. Ausgehend von konkreten Wirtschaftsskandalen schrieb Jelinek diese scheinbar zeitlose Sprachpartitur für einen polyphonen Menschenchor, in dem Zocker und Geprellte, Global Players und ruinierte Kleinanleger ihre Stimme erheben.

„Irgendwas kommt in meinen Stücken immer beredt zum Ausdruck, aber wer beredet da was und wie?“ fragt sie in ihren Dankesworten zum Mülheimer Dramatikerpreis 2011, den sie bereits dreimal gewann. Zuletzt mit „Winterreise“. Jelinek hat in ihrem Werk immer wieder die Musik als das unheimliche Reich eines Jenseits beschrieben. „Das Universum der Tonkunst ist eine Landschaft des Todes. Weiße Wüsten, Eis, gefrorene Flüsse, Bäche, Seen! Nur geometrisch angeordnete Kälte. Schnurgerade Frostlinien. Totenstille.", sagt die österreichische Autorin selbst, und in Oberhausen wird der Zuschauer das überprüfen können. Intendant Peter Carp, der bereits in Luzern Elfriede Jelineks politisches Sprach-Labyrinth „Babel“ enträtselt hatte, wird sich auch im Revier von ihren Wortwitzen nicht beirren lassen, die geradewegs ins Unbewusste führen. Er inszeniert im November die „Winterreise“.

Zuvor aber der lustige Abgesang auf die Frauenfront der RAF im Essener Grillo-Theater. In „Ulrike Maria Stuart“ stammeln sich hier zwei Königinnen durch die Zeiten und liefern sich einen virtuosen Schillerschen Schlagabtausch über die Art und Weise, eine Welt zu verändern, über bewaffneten Kampf, Idealismus und Ideologie. Über Frauen und Macht und die „Spielformen weiblicher Herrschaft, die am Ende alle in den Tod führen“ (Jelinek). Bei Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer treffen Maria Stuart und Elisabeth I. als Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin wieder aufeinander. Frauen, Regentinnen, Machtfaktoren. Doch manches bleibt. Ensslin war auch ein Modefan. Sie wurde in einer Boutique verhaftet. Auch das ist für Jelinek eine Metapher für die Vielschichtigkeit von Frauen und Macht. Und es geht ums totale Scheitern. Keine Ideologie, keine Struktur kann diesen Pessimismus aufbrechen, der Lebensträume platzen ließ und Welten scheinbar unbewohnbar macht. Da hilft es auch nicht, dass das Publikum vier Promi-Pappkameraden auf der Bühne mit Wasserbomben attackieren darf. Die einst Vorgesehenen sind längst nicht mehr an der Macht, doch sie lassen sich bei der Essener Inszenierung sicher ersetzen. Ein Mangel herrscht da ja wohl nicht.

Wer also dem Zeitgenössischen auf der Spur bleiben will, sollte sich die Stücke im Ruhrgebiet und etwas daneben nicht entgehen lassen. So nah wird niemand mehr dem literarischen Nitroglyzerin in so kurzer Zeit kommen können.

„Ulrike Maria Stuart“ I Premiere im Grillo-Theater, Essen I 21.10., 19.30 Uhr I 0201 812 20
„Winterreise“ I Premiere im Theater Oberhausen I 18.11., 19.30 Uhr I 0208 857 81 84

„Die Kontrakte des Kaufmanns“ I Premiere im Opernhaus Wuppertal I 1.10., 19.30 Uhr I 0202 569 44 44

PETER ORTMANN

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