Prolog. 420 Jahre zurück. Die päpstliche Bulle „Inter gravissimas“ erscheint. Sie prägte das Kalendersystem neu, bis heute. Der Februar ist ein darin ein bekannt seltsamer Monat. In diesem Jahr hat er mal wieder einen Tag mehr, sehr zur Freude der speziellen Geburtstagskinder, die eigentlich nur alle vier Jahre zum Datum passend feiern dürfen. Am besten nutzen sie den Tag, um ins Theater zu gehen. Premieren finden da leider nicht statt, irgendwie auch nichts anderes Besonderes. Schade eigentlich. Wie Papst Gregor XIII. sind skurrile Männerfiguren die interessantesten Protagonisten der Neu-Inszenierungen in diesem letzten Februar vor dem Weltuntergang.
In den Bochumer Kammerspielen sind das die Dandys Jack Worthing und Algernon Moncrieff, die auf ausgefallene Weise ihr Doppelleben genießen: Während Algernon seine ausgedehnten Landpartien mit Krankenbesuchen bei seinem vermeintlichen Freund Bunbury begründet, rechtfertigt Jack seine häufigen Ausflüge in die Metropole mit seinem hoffnungslos verkommenen und hilfsbedürftigen Bruder Ernst. „The Importance of Being Earnest“ lautet der englische Untertitel von Oscar Wildes Verwechslungskomödie „Bunbury“. Nur ernst (oder Ernst) kann in diesem merkwürdigen Spiel um Identitäten auf Dauer niemand bleiben.
Um Identität geht es auch im Essener Grillo Theater, und um viel Blut. Am Anfang steht hier der scheinbar grundlose Mord eines gewissenhaften Bankangestellten, der einen Hausmeister mit der Axt erschlägt. Einzig der Staatsanwalt bringt Verständnis für die Tat auf und lässt sich von ihr zum Ausbruch aus seinem geregelten Leben inspirieren, denn die Frage nach dem Warum raubt ihm den Schlaf. Fortan folgt er der Legende des Grafen Öderland, zieht mit einer Axt in der Hand durch die Lande und tötet alle, die sich seinem Anspruch auf Freiheit entgegenstellen. Hinter ihm scharen sich plötzlich Anhänger, sein Ausbruch wird zum allgemeinen Aufruhr. Die Rebellion führt am Ende zu einem politischen Umsturz, ohne dass sich die ersehnte Freiheit für den Staatsanwalt verwirklicht, bei dem nicht nur dessen Identität als Rechtsvertreter zur Disposition steht.
Autor Max Frisch (1911–1991) betrachtete „Graf Öderland” als eines seiner wichtigsten Werke. Bereits 1946 entstand die Geschichte in einer Prosaskizze, bevor es 1951 als Theaterstück in Zürich uraufgeführt wurde. Zweimal (1956 und 1961) überarbeitete Frisch das Stück. In seiner Moritat beschwört er in zwölf Bildern den Mythos des axtschwingenden Revolutionärs, dessen Kampf für ein pflichtbefreites Leben zum willkürlichen Amoklauf wird.
Anders als die beiden Dandys bei Oscar Wilde hat Öderland tatsächlich etwas zu gewinnen in einer Gesellschaft, in der sowohl die Bereitschaft zur Rebellion als auch der Wille, am Konservatismus festzuhalten, sich in der Bedingungslosigkeit nicht unterscheiden.
„Graf Öderland“ I Premiere: Fr, 3.2. I Grillo-Theater Essen I 0201 812 22 00
„Bunbury“ I Premiere: Fr, 10.2. I Kammerspiele Bochum I 0234 33 33 55 55
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