Wenn Titus aus seiner Kaiserloge hinabschaut auf die Bittsteller seines Volkes am untersten Ende der Treppenanlage, wirklich aus schwindelnder Höhe, dann wird einerseits die Gott gleichende Macht des Römers präsent und anderseits die Winzigkeit und das Ausgeliefertsein des Untertanen, im Staub zertreten. Der Kaiser Titus, Held in der Oper „La clemenza di Tito“ von Wolfgang Amadeus Mozart, war ein ungewöhnlicher Herrscher in Rom, ein mildtätiger Mann, freundlich, verständig, im heutigen Jargon ein Warmduscher oder Weichei. Er war so gut, dass in der aktuellen Inszenierung des Kölner Intendanten Uwe Eric Laufenberg sogar das Weib des Kaisers, eine linkische Furie, vor so viel Gutmensch kapituliert und sich am Ende mit einem Giftbecher selbst richtet. Vielleicht hat den Regisseur der Spielort dieser Oper, die im Normalfall mit sanfter Begnadigung ausklingt, zu dieser Notrichtung gedrängt: Titus regiert nämlich nicht im Opernhaus, sondern im Treppenhaus des Kölner Oberlandesgerichts.Unter diesem mächtigen Dach kennt der Paragraphenreiter keine Gnade: „Was Recht ist, muss Recht bleiben.“ Titus war ein Träumer, besser: ein Philosoph. Dafür hat das Volk ihn geliebt. Da er im Namen der Menschenliebe sogar Recht beugt, würden ihn die Schergen dieses Hauses heute verfolgen lassen. Denn hier werden auch terroristisch Verdächtige verhandelt.
All dies wäre Grund genug, eine Oper über Gunst und Gnade hier spielen zu lassen. Die Entscheidung für die Wahl dieses Hauses lag aber ursächlich in der architektonischen Anlage des Treppenhauses, das täglich wie ein gefräßiges Maul die Beamten in diesen Palast der Justiz einsaugt und ausspuckt: Es funktioniert, und es ist wunderschön. In alle Richtung gähnen auf mehreren Etagen Eingänge zu langen Röhrengängen. Die Akustik im Treppenhaus selbst, das schon häufiger für musikalische Events genutzt wurde, noch nie aber für eine ganze Opernaufführung, ist zwar schwierig für die Akteure, aber unvergleichlich satt und rund für die Hörer. Das Orchester sitzt auf halber Höhe wie in einer Riesenloge, allerdings komplett ohne optische oder akustische Anbindung an die Protagonisten des Stücks. Diese tollen vorwiegend auf dem mittleren Treppenpodest und auf den Treppen selbst, und Dirigent Konrad Junghänel blickt ohne Sicht aus einem Dutzend dezent gehängter Bildschirme auf das Geschehen, und er dirigiert im Blindflug immer etwas voraus. Aber das klappt fantastisch, und so umhüllt der warme Sound des Gürzenich-Orchesters die Ohren der Gäste, die Sänger stehen manchmal direkt neben den Zuhörern, drängen sich bei mancher Arie durch die Sitzenden oder nehmen sie sogar bei der Hand – die Handlung verlässt die Bühne. Großartige Stimmen und natürlich bei dieser Nähe exzellentes Spiel beleben dieses perfektionistisch konstruierte Auftragsprodukt aus der Feder Mozarts zu einem echten Opernerlebnis außerhalb der Oper, es ist nach dem Monteverdi-Experiment in der Gerling-Kantine und dem charmanten Cárdás-Ausflug die dritte Produktion der Oper auf Reisen, die nicht nur das Stück, sondern ihre einzigartige Spielstätte inszeniert. Das birgt tatsächlich die Chance, auch Opernmuffel einmal für ein Selbstexperiment anzulocken, ohne sie dann durch ambitioniertes Regietheater für immer abzuschrecken. „Oper in Bewegung“, so der Slogan des Hauses, bewegt sich in die richtige Richtung.
„La clemenza die Tito“ I 4./6./10./12./18./20.11. I Oberlandesgericht Köln am Reichenspergerplatz I www.operkoeln.com
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