Sie sitzen in der Provinz und träumen sich in die große, weit entfernte Stadt. Sie glauben, dass dort alles besser ist als hier, in dem Nest, in das sie vor vielen Jahren mit dem Vater kamen. Nein, es geht nicht um Bochum, sondern um eine größere Garnisonstadt im Osten Russlands, irgendwann um 1900. Mit Anton Tschechows „Drei Schwestern“ startet das Bochumer Schauspielhaus nach der Sommerpause. 17 Premieren stehen erst einmal auf dem Plan, 24 Produktionen aus der Spielzeit 2010/2011 werden im Repertoire bleiben. Doch das strukturelle Defizit von 750.000 Euro pro Jahr könnte bald auch die langfristige Spielplangestaltung lähmen, schließlich läuft Anselm Webers Vertrag noch ein paar Jahre.
trailer: Herr Weber, viele Klassiker finden sich im neuen Spielplan. Gibt es eine inhaltliche Klammer, welche die Auswahl dieser Stücke verbindet?
Anselm Weber: Eine Klammer gibt es nicht. Es ist nach wie vor der Versuch, den uns bekannten Blick durch eine neue, eine fremde Sichtweise zu ergänzen oder aufzubrechen oder neu erleben zu lassen. Das ist nach wie vor der Vorgang.
Und der gesellschaftliche Tatbestand? Da ist „Die Dreigroschenoper“ zur Finanzkrise, „Draußen vor der Tür“ zum Krieg.
Wenn Sie das so sehen, ja. Der Spielplan beschäftigt sich auch im weitesten Sinne mit Figuren, die Randfiguren dieser Gesellschaft sind und die im zunehmenden Maße eine Rolle spielen. Das Thema Krieg war bis vor kurzem kein Thema, nun ist er wieder ein Thema. Das Thema Armut, hat man gedacht, hätte man überwunden, auch das ist wieder ein Thema.
Braucht es in der zweiten Spielzeit weniger Premieren?
Ich müsste das jetzt nachzählen. Ich weiß gar nicht genau, wie viel weniger wir machen. Aber selbstredend muss man sich gerade im Anfangsbereich nicht so einen Druck aufbauen, weil wir ja jetzt Stücke aus der letzten Spielzeit übernehmen können.
Dient die neue Spielzeit mit seinen „Kassenschlagern“ als Buche im Kürzungsgewitter?
Da müsste ich jetzt zurückfragen: Welche Klassiker meinen Sie denn?
„Die Dreigroschenoper“, „Drei Schwestern“, „Die Räuber“, „Kleiner Mann – was nun?“, „Was ihr wollt“, „Bunbury“…
Da hat jedes Stück seine eigene Geschichte, denn so machen wir den Spielplan. Zu „Drei Schwestern“ ist zu sagen, dass man mir gesagt hat, zwei Autoren laufen in Bochum nicht, der eine ist Horváth und der andere ist Tschechow. Bei Horváth (gemeint ist „Kasimir und Karoline“, Regie: Lisa Nielebock: die Redaktion) habe ich die schmerzliche Erfahrung gemacht, dass das Sprichwort recht hatte. Also von Kassenschlagern sind wir weit entfernt. Bei „Drei Schwestern“ hoffe ich, dass wir diese Regel durchbrechen. Die „Räuber“ ist eine Idee, die ich schon sehr lange habe. Eigentlich seit ich mit Jan Klata im Gespräch bin. Das hat damit zu tun, dass mich bei „Dantons Tod“, seiner ersten Arbeit, die ich gesehen habe, dieser spezielle Ansatz unglaublich interessiert hat und ich ihn damals schon gefragt habe, ob er für uns Schiller machen würde. Er wollte das aber erst in der zweiten Spielzeit. „Bunbury“ ist ein Stück, wo ich gleich gesagt habe, wenn man die Schauspieler dafür hat, dann entsteht die Lust auf dies Stück. Grundsätzlich bleibt aber der Versuch, einen Spielplan für das Schauspielhaus Bochum zu machen, ein Spagat: Denn man muss jeden Abend 1.400 Plätze füllen und gleichzeitig so anspruchsvolles Theater machen, dass es dem Niveau des Schauspielhauses Bochum entspricht.
Wie angeschlagen ist das Schauspielhaus Bochum denn im Moment?
Künstlerisch würde ich sagen, sind wir auf einem guten Weg. Finanziell muss ich jetzt die Berichte der Presse nicht mehr ergänzen. Der wichtigste Satz: Wenn wir eine GmbH wären und Gott sei Dank sind wir keine, hätten wir zum Insolvenzverwalter gehen müssen.
Aber die Erhöhung der Eintrittsgelder, die Abschaffung des Melanchthon-Saals als Spielstätte sind das nicht nur Tropfen auf den heißen Stein?
Das ist richtig. Nur irgendwo muss man ja anfangen. Grundsätzlich müssen wir ja sehen, in was für einer Umgebung wir uns bewegen. Es muss ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass wir in einer Stadt leben, die mit 160 Millionen Euro strukturellem Defizit pro Jahr selbst rasant der Komplettverschuldung entgegenrast. Man muss also einfach anfangen und natürlich fängt man jetzt im Kleinen an. Aber das hat Auswirkungen. So werden wir zum Beispiel im nächsten Jahr kein einziges Plakat drucken und wir haben jetzt die Stelle der Theaterpädagogik erst mal gesperrt. Das sind schon Einschnitte in den Kernbereich und wir werden sehen, wie wir damit weiter hantieren können. Das ist sicher auf Dauer keine Perspektive. Aber wir können beim Sparen das Schauspielhaus nicht immer außen vor lassen, auch in der Wahrnehmung für die Stadt. Das finde ich wichtig.
Aber im künstlerischen Bereich ist das doch eigentlich ausgereizt?
Ich sag ja auch immer, dass eigentlich der Apparat das Geld kostet und nicht die Kunst. Also, wenn man sich vorstellt, dass 30 Schauspieler hier acht Prozent der Personalkosten ausmachen, dann sagt das eigentlich alles über das Verhältnis von Kunst und Nichtkunst.
Also statt „Krach in Chioggia“ Ärger in Bochum. Steht die Stadt in der Pflicht?
Sicher steht die Stadt in irgendeiner Weise in der Pflicht. Nur die Stadt ist ja auch in einer Situation, wo sie keine Gelddruckmaschine im Keller stehen hat. Es ist eben kein Geld da. Wir müssen uns daran gewöhnen, übrigens auch hier im Haus, dass das alte Bewusstsein von einem städtischen Amt genannt Schauspielhaus einfach vorbei ist. Es gibt ein Bewusstsein, das existiert nach wie vor noch in einigen Köpfen, dass wir als Ex-Amt irgendein Zugang hätten – ich bleibe bei dem Bild – zu einer Gelddruckmaschine oder dass ich irgendein Konto habe, was keiner kennt. Es sind einfach keine Ressourcen mehr da. Aber wir werden jetzt gemeinsam mit der Stadt versuchen Lösungen zu finden.
Ist in diesem Zusammenhang nicht die Gründung einer Zukunftsakademie in Bochum ein Anachronismus?
Warum? Weil der Ort keine Zukunft hat (lacht) oder warum?
Hier die unsichere Zukunft des Theaters, dort eine Zukunftsakademie fürs Medium der Künste.
Verstehe, verstehe. Dann muss man aber die Entstehungsgeschichte und die Geburt dieses Kindes verfolgen. Wir haben diese Idee entwickelt, haben sie dann gemeinsam mit dem Land weiterentwickelt, dann kam die Mercator-Stiftung dazu und dann sind wir nach Bochum gekommen. Ich würde das jetzt mal unter der Rubrik „Geschenk“ für die Stadt verbuchen. Das sei ihr ja auch gegönnt in dieser Situation. Man muss ja auch Dinge haben, auf die man sich freut.
Können Sie in diesem Jahr überhaupt noch Urlaub machen?
Ich muss Urlaub machen, weil ich seit dem 16. August 2010 durcharbeite. Und, Sie werden es nicht glauben, selbst ich komme irgendwann an meine Leistungsgrenzen.
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