Die Bühne ist gleichzeitig Wohnzimmer, Büro und Militärkrankenhaus. Hierhin hat Nadeža (Xenia Snagowski) ihren Vater geschleppt, diesen „hühnenhaften alten“ Mann (Dieter Hufschmidt), der nie krank war, den sie lange nicht gesehen hat und mit dem sie eine freundliche Hassliebe verbindet. Beide möchten nicht immer streiten, sie tun es doch, eben mit Freude.
Intendant Anselm Weber inszeniert die Uraufführung von Biljana Srbljanovićs neuem Stück „Das Leben ist kein Fahrrad" an den Bochumer Kammerspielen. Ein Stück, das die Serbin für ihn geschrieben hat, hervorgegangen aus einer Rede über neue Identitäten auf dem Balkan, die sie vor fast zwei Jahren am Wiener Burgtheater gehalten hat. Ein Text, der in erster Linie von Vätern erzählt, von denen, die alt sind, und denen, die nie da sind. Im Wohnzimmer auf der Bühne rechts tummeln sich die Dicke (Kristina-Maria Peters) und Ropac (Jürgen Hartmann), der ziemlich nett, aber undurchsichtig und ständig betrunken die Vaterrolle bei ihr übernommen hat. Auf der linken Seite das Büro der namenlosen Politikerin (Anke Zillich), deren Sohn nach seiner Scheidung wieder bei ihr eingezogen ist. Diese drei Örtlichkeiten werden von Srbljanović verwoben durch die Personen, die dort agieren und die alle irgendwann im Laufe des Stücks verknüpft werden, denn das hat Ursachen und Wirkungen, allerdings nur im zwischenmenschlichen Seelenleben, das seltsam tot wirkt. Das unterstützen auch die auf dem Boden liegenden Neonröhren, die ihr kaltes Licht nach oben abstrahlen und damit wohl eine fast schattenlose Mimik generieren wollen.
Weber inszeniert die Abgründe sachlich, lässt mit Kapelsky eine Gypsy-Barden-Band durch das Stück geistern, die surrealen Momente wieder auflösen oder den Szenenwechsel untermalen. Die Anekdote der privaten Familiengeschichte von Srbljanović hat weniger politische Direktbezüge zu Serbien, als es sonst bei ihr üblich ist. Ausnahme: Fähnrich Jokić (Henrik Schubert), der im Krankenhaus liegt, weil er 17 Liter Wasser getrunken hat, um sich das Leben zu nehmen, weil er nicht mehr in der Armee bleiben will. Er ist am Ende tot wie Nadežas Papa, der aber dennoch das letzte Wort hat. Der Rest darf ohne Hoffnung erstarren.
„Das Leben ist kein Fahrrad“ I So 8.1., 19 Uhr I Kammerspiele Bochum I 0234 33 33 55 55
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