Im Krieg ist es immer dunkel. Die Nächte sind einsam, die Tätigkeit grausam, die Folgen für Geist und Körper unabsehbar. Dennoch gibt es immer wieder Nachschub an jungen Männern und Frauen, die das blutige Handwerk erlernen und dann natürlich auch ausüben wollen. Insofern sollte niemand Mitleid mit ihnen haben, nur die zivile Bevölkerung leidet immer am meisten und das ist kein frei gewähltes Schicksal. In „Embedded – Ein Jahr Afghanistan“ geht es um diesen wahren Konflikt nur indirekt. Hier geht es um den Wahnsinn selbst. Regisseur Jonas Fischer hat für diese Erfahrung Berichte und Reportagen der US-amerikanischen Soldaten aus dem einst gefährlichsten Ort in Afghanistan ausgewertet. Es war ein Alptraum für die Truppe, die im Unterstand Restrepo (Juan S. Restrepo starb mit 20 Jahren am 22. Juli 2007 bei einem Feuergefecht mit Aufständischen im Karengal-Tal) zwischen Blut- und Stammesfehden der ansässigen Clans geraten waren. Mittendrin ein eingebetteter Reporter, der freiwillig ein Jahr in der Kampfzone verbringt.
Alles beginnt für die 20 Zuschauer mit einem lustvollen Gang durch die Innereien des Dortmunder Theaters. Die Unterbühne des Schauspielhauses ist ziemlich dunkel, pädagogischer Halbkreis, ein paar Sandsäcke sind gerade noch zu sehen, dann wird es schwarz vor den Augen. Ernst Jünger philosophiert über „Stahlgewitter“, wo Blitze in der Nacht die schöne Landschaft erhellen und die jungen Männer an der Gewalt saugen, die sie dann verzerrt. Das Licht geht an, in der Blendung stehen zwei Schauspieler, ziehen sich an. Randolph Herbst ist der Prototyp des Infanterie-Soldaten, groß, durchtrainiert und mit ein paar martialischen Tattoos versehen, aber auch mit der schwer zu durchschauenden Kriegerseele. Er muss dem interessierten Journalisten (Ekkehard Freye) erst das Lager, dann das Wesen des Krieges nahe bringen, ein schneller Überfall des unsichtbaren Gegners erleichtert das. Ducken, feuern. Feuern und ducken. Dabei die Sandsäcke zur mageren Deckung umpacken. Alles ist cool, ein Dorado für echte Kerle, die auch mal ein paar derbe Späße verteilen. Auch der Pressemann ist irgendwie angesteckt.
Doch dann setzt das Warten ein und die Dialoge werden von Monat zu Monat psychisch schwerfälliger und intimer. Jonas Fischer inszeniert hier mit teils wilder Choreografie und wechselnden Lichteffekten. Die Säule in der Mitte ist ruhender Pol und Paravent für Kleidungswechsel und Unvorhergesehenes. Die beiden Protagonisten müssen bis an ihre Grenzen. Die Zeit verfliegt, der anrüchige Charme des Krieges auch. Die zwanzig Kriegsbeobachter müssen erfahren, dass hinter den real gewordenen Videospielen psychisch labile Spieler sitzen, die sich nach dem Kampf sehnen, aber vor der Freiheit in Geborgenheit fürchten. Irgendwann hat den Reporter die Sucht nach Gefahr erreicht, doch er kann sie verlassen. Die Soldaten können das nicht. Viele des blutjungen Kanonenfutters waren im zivilen Leben Drogendealer, Musiker oder einfach nur Radaubrüder. Jetzt ist die Zeit für Reflexion vorbei. Das Vegetieren zwischen Unrat und Ungeziefer, die homoerotischen Ersatzbefriedigungen passen gar nicht ins Machoimage der Schein-Rambos. Das kann zuhause nicht als Heldentat verkauft werden. Der Abend bleibt dank der beiden intensiven Schauspieler und der ungewöhnlichen Keller-Location auch weit jenseits von Zeigefinger-Rhetorik mit Pazifismusgehabe. Krieg bleibt ein megaeuphorisches Erlebnis, das eigentlich keiner braucht.
P.S.: Erst am 14. April 2010 hat der letzte Soldat der US-Armee in den frühen Morgenstunden das nur sechs Meilen lange und eine halbe Meile schmale Korengal-Tal im Osten Afghanistans verlassen. Der Rückzug wird in Amerika als Niederlage gewertet.
„Embedded – Ein Jahr Afghanistan“ von Jonas Fischer I R: Jonas Fischer
Theater Dortmund (Unterbühne) I Wieder im Programm ab dem 16.10. I Immer nur 20 Zuschauer I 0231 502 72 22
"Das ist wie backstage. Krieg backstage" - Interview mit Regisseur Jonas Fischer
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