„Romeos“ – der Titel des Films verrät es schon: hier gibt es keine traditionellen Rollenmuster: von Julia keine Rede. So ganz stimmt das aber nicht, denn die Hauptfigur Lukas ist ursprünglich als Mädchen geboren. Sabine Bernardis in Köln gedrehtes Debüt ist eine Coming-of-Age-Geschichte mit den üblichen Hürden der Identitätsfindung. Die Deutsche Film- und Medienbewertung hat dem Film das Prädikat „wertvoll“ verliehen.
Deshalb wunderte sich die Regisseurin auch, als sie erfuhr, dass die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) den Film ab 16 Jahren freigab, statt – wie beantragt – ab 12 Jahren. Im Vertrauen auf die dem Jugendschutz verpflichtete Organisation reagierte sie erst mal nicht darauf – bis ihr von ihrem Verleih die Urteilsbegründung vorgelegt wird. Dort heißt es, die „Schilderung einer einseitigen Welt von Homosexualität im Film zu einer Desorientierung in der sexuellen Selbstfindung führen“, die „explizite Darstellung von schwulen und lesbischen Jugendlichen und deren häufige Partnerwechsel verwirrend“ auf Jugendliche wirken. Zudem zeige „Romeos“ eine „verzerrte Realität“, die aber für Jugendliche über 16 Jahren „verkraftbar“ wäre. Die Beurteilung des Films stammt nicht etwa aus einer Soft-Porno-Rezension der Filmdienstes in den 1970er Jahren („Wir raten ab“), sondern ist auf der Grundlage der Entscheidung von fünf von 250 ehrenamtlichen Prüfern der FSK verfasst worden. Die Voraussetzung für die Ernennung der Prüfer ist eine Tätigkeit in der Jugendarbeit und entsprechendes Fachwissen in Psychologie oder Medienwissenschaft. Beides scheint hier kaum vorstellbar.
trailer sprach mit der Regisseurin Sabine Bernardi über ihren Film und diesen Fall von Diskriminierung. Sie selbst arbeitet beim Medienprojekt Wuppertal und gibt Filmworkshops für Jugendliche.
trailer: Frau Bernardi, worum geht es in Ihrem Film und haben Sie mit „Romeos“ ein Anliegen?
Sabine Bernardi: Romeos erzählt eine Liebesgeschichte, vielleicht eine ein bisschen ungewöhnliche Liebesgeschichte um den 20jährigen Lukas, der – biologisch zumindest – als Mädchen geboren wurde. gleichzeitig geht es um eine Suche nach Identität und darum, seinen Platz im Leben zu finden. Es ist ein Film über Freundschaft. Der Film soll auch Mut zum Coming-Out machen und die gesellschaftliche Tendenz zum späten Coming-Out aufgrund von Angst vor Diskriminierung aufbrechen. Das Wort "Schwuchtel" oder "schwul" ist ein angesagtes Schimpfwort auf Schulhöfen, Homosexualität an den Schulen ein Alptraum. Von meiner Haltung in der Regie und in der Buchentwicklung war es eine bewusste Entscheidung, „Romeos“ als gutgelaunten Film zu konzipieren und positive Welten zu zeigen. Der Film arbeitet nicht mit Kritik, sondern mit Optionen. Deshalb ist die Entscheidung auch ein Rückschlag für das, wofür der Film steht. Der Film ist für jeden gemacht und auch mainstream-fähig.

Ab welchem Alter würden Sie selbst Romeos empfehlen?
Ich glaube, dass der Film super geeignet ist gerade für Jugendliche, die sich gerade in der Orientierungsphase und am Anfang ihrer sexuellen Entwicklung befinden. Das ist bei manchen erst mit 14, bei manchen aber durchaus mit 12 oder 13. Das Spielalter ist zwischen 19 und 20 Jahren, wobei sich bei dem Protagonisten Lukas so etwas, wie eine nachgeholte zweite Pubertät abspielt. Deswegen finde ich durchaus, dass man „Romeos“ diesen Jugendlichen zugänglich machen muss. Das würde sehr viel öffnen, auch für Jugendliche, die vielleicht anders sind, als der Mainstream. Ich arbeite auch selbst mit Jugendlichen und beobachte, wie gerade in diesem Alter die Ängste sind mit Homosexualität umzugehen. Mir ist mit dem Film sehr wichtig gewesen, auch andere Rollenbilder und Beziehungskonstellationen anzubieten, die ich positiv belege.
In einer Pressemitteilung vom 7.12. hat sich die FSK für die „diskriminierenden Formulierungen“ in Ihrer Beurteilung entschuldigt und die Begründung der Altersfreigabe neu formuliert...
Die Neuformulierung des Urteils ist viel differenzierter, das heißt aber nicht, dass sich die Haltung dahinter ändert. Da kann man die Frage stellen: Was ist die jetzt wert? Denn im Prinzip ist es nur eine Umformulierung. Für mich ist die Unterteilung der FSK in Freigaben für 12 und 16jährige problematisch. Wenn man sich jetzt entschieden hätte, „Romeos“ ab 12 freizugeben, heißt das ja nicht automatisch, dass jeder 12jährige den Film auch gucken muss. Aber es sollte heißen, dass jeder 12, 13, 14jährige, der den Film gucken will auch die Möglichkeit dazu bekommt, weil er oder sie vielleicht etwas wichtiges darin entdeckt. Und da ist auch diese Neuformulierung des Urteils widersprüchlich, weil sie sich eigentlich wie eine Begründung liest, die durchaus sagen könnte, man macht den Film für jüngere zugänglich.
Das Prüfverfahren besteht aus fünf Prüfern, die zu diesem ersten diskriminierenden Gutachten gekommen sind. Haben Sie mit der FSK Kontakt gehabt? Hat die FSK sich dazu geäußert, wie das zustande gekommen ist?
Nein, ich hatte natürlich die FSK direkt angeschrieben und um eine Stellungnahme gebeten, als ich das Gutachten auf meine Homepage gestellt habe, habe aber eine Woche lang keine Antwort erhalten. Da war ich dann schon sauer. Ich wünsche mir eine öffentliche Diskussion. Das System der Freigabealter ist ja durchaus in Frage zu stellen, da zwischen einem 12jährigen und einem 16jährigen Teenager Welten liegen. Eine Streitkultur ist wahnsinnig wichtig, weil diese Diskriminierung, die uns die FSK in ihrer Begründung gezeigt hat, gesellschaftliche Realität ist. Das machen Jugendliche und Erwachsene ja tagtäglich durch. Insofern kann der Film bestärkend sein und zumindest auch eine Diskussion über die Frage gesellschaftlicher Normalität auslösen und natürlich soll er auch unterhalten.
Die FSK wirft dem Team des Films in der Neuformulierung indirekt vor, keinen Widerspruch eingelegt zu haben. Warum haben Sie darauf verzichtet?
Die Frist haben wir verpasst, da die Begründung durch mehrere Hände ging und sehr spät zu mir kam. Die Form der Begründung hat mich dann dazu veranlasst, die gesamte Entscheidung stark in Frage zu stellen. Der Fall zeigt, dass die Geschlechterrollen, die ich aufzubrechen versucht habe, in dieser Gesellschaft stark verteidigt werden und dass sich Menschen durch Homosexualität auch angegriffen fühlen. Klischeehafte Rollenbilder, die in vielen Mainstream-Filmen verarbeitet werden, die ab sechs oder 12 Jahren freigegeben werden, sind akzeptiert. Ein Beispiel ist „Hangover“ (ab 12), dem wird Sexismus attestiert – Prostitution und Drogen werden in lustiger Weise erzählt. Dadurch werden auch Realitäten geschaffen. Für Jugendliche unter 16 sind solche Welten dann viel geläufiger als Identitätsfindung in ihrem eigenen Alter. Das ist eine gesellschaftliche Verschiebung. Und da liegt auch mein Hauptvorwurf. Dass wesentlich problematischere Filme für jüngere Altersstufen durchkommen, lässt vermuten, da wird mit zweierlei Maß gemessen.
Haben Sie Angst, dass das Urteil ihrem Debütfilm schadet?
Ich glaube nicht, dass die Freigabe „Romeos“ schadet. Es ist mehr als nur ein Urteil, es hat gesellschaftliche Relevanz. Es geht auch um die Jugendarbeit und die Bewertung einer sexuellen Orientierung. Ich habe in meinem Schreiben an die FSK gefordert, dass die beteiligten Prüfer von Ihrer Aufgabe zurücktreten sollten. Es muss sich was ändern. Meiner Meinung nach dürften die teilnehmenden Gremiumsmitglieder, die das im Konsens verantwortet haben, nicht mehr im Rahmen des Jugendschutzes Filme bewerten. Die Ergebnisse sind ja gesetzlich bindend. Oder es sollte einen offenen Austausch geben, dass man merkt, da verändert sich was. Das Schlimme finde ich, dass diese Diskriminierung seitens einer Institution kommt, die sich dem Jugendschutz verschrieben hat.
Nun startet der Film morgen in den deutschen Kinos. Wie ist ihr Gefühl, nachdem er solch eine Debatte ausgelöst hat?
Ich freue mich total auf den Kinostart. Zum einen, weil wir auch schon eine tolle Festivaltour und ausverkaufte Premieren hatten. Zum anderen, weil das Thema des Film eine gesellschaftliche Relevanz hat und wir da von Normalität – das zeigt auch der Fall – weit entfernt sind. Anders als ich das erwartet habe.
Über ihren zweiten Film denkt Sabine Bernardi schon nach, will uns aber nichts Konkreteres verraten. Wir sind gespannt.
Grundversprechen des Kinos
Regisseur Hannes Lang über seinen Film „Peak“ – Gespräch zum Film 04/13
Sehnsuchtsgeschichten
Ulrich Seidl über „Paradies: Glaube“ und die Paradies-Trilogie – Gespräch zum Film 03/13
Wie die Iraner wirklich ticken
Regisseur Till Schauder über seinen Film „Der Iran Job“ – Gespräch zum Film 02/13
Venedig als Geschäftsmodell
Regisseur Andreas Pichler über seinen Film „Das Venedig Prinzip“ – Gespräch zum Film 12/12
Herzensangelegenheiten
Regisseur Dietrich Brüggemann über „3 Zimmer/Küche/Bad“ – Gespräch zum Film 10/12
„Ich wollte den als Held“
Regisseur Marten Persiel über sein Langfilmdebüt „This ain't California“ – Gespräch zum Film 08/12
„Jeder Mensch hat zwei Seiten“
Regisseur und Drehbuchautor Nik Sentenza über seinen Film „Toms Video“ - Gespräch zum Film 06/12
Ein schmerzlicher Verlust
Regisseurin Sibylle Dahrendorf über ihren Film „Knistern der Zeit“ - Gespräch zum Film 06/12
Heitere Melancholie
Regisseur Thomas Thümena über seinen Film „Tinguely“ - Gespräch zum Film 05/12
„Ich will kein Autorenfilmer mehr sein“
Hans Weingartner über „Die Summe meiner einzelnen Teile“ – Gespräch zum Film 02/12
Wege der Trauer
Regisseurin Pia Strietmann zu ihrem Kinodebüt „Tage die bleiben“ – Gespräch zum Film 01/12
Strukturen sichtbar machen
Regisseur Dirk Lütter zu seinem Film „Die Ausbildung“ – Gespräch zum Film 01/12
Der Körper als Bunker
Regisseur Michaël R. Roskam zu seinem Film „Bullhead” – Gespräch zum Film 12/11
„‚Netter Film‘ wäre schlimm“
Produzent Stephan Holl über „Underwater Love“ – Gespräch zum Film 11/11
„Es ist eine monochrome Welt“
Regisseurin Sophie Fiennes über „Over Your Cities Grass Will Grow“, die Arbeit mit Anselm Kiefer und die Vorzüge von Kinofilmen – Gespräch zum Film 10/11
Film ist immer Gestaltung
Regisseur Michael Glawogger über seinen Film „Whores Glory“ - Gespräch zum Film 10/11
Liebe als Idee
Regisseur und Drehbuchautor Jan Schomburg über seinen Debütfilm „Über uns das All“ – Gespräch zum Film 09/11
Geborgenheit und Freiheit
Die Schweizerin Marie Kreutzer über ihren Debütfilm „Die Vaterlosen“ - Gespräch zum Film 08/11
Filme über Menschen
Regisseurin Nanouk Leopold über “Brownian Movement” - Gespräch zum Film 07/11
Eine kleine Invasion
Regisseur Ulrich Köhler über seinen Film „Schlafkrankheit“ - Gespräch zum Film 06/11
Labyrinth der Weltbilder
Thomas Frickel über „Die Mondverschwörung“ - Gespräch zum Film 05/11
Was der Tag so bringt
Jürgen Brügger & Jörg Haaßengier über ihren Film „Ausfahrt Eden“ - Gespräch zum Film 04/11
Ich denke nicht in Genres
Regisseur Ali Samadi Ahadi über „The Green Wave“ - Gespräch zum Film 03/11
Der Zuschauer als Insasse
Philip Koch über „Picco“ - Gespräch zum Film 02/11
Unsichere Männer
Micha Lewinsky über sein Spielfilmdebüt „Der Freund“ - Gespräch zum Film 01/11
Lebensalltag des Slums
Produzentin Marie Steinmann über „Soul Boy“ - Gespräch zum Film 12/10
Wahrnehmung von Wartenden
Angela Schanelec über ihren neuen Film „Orly“ - Gespräch zum Film 11/10
Andere Action
Thomas Arslan über „Im Schatten“ - Gespräch zum Film 10/10
Plädoyer für das Flüstern
Semih Kaplanoğlu über "Bal - Honig" - Gespräch zum Film 09/10
Die Spielregeln ändern
Dietrich Brüggemann über "Renn, wenn du kannst" - Gespräch zum Film 08/10
Masturbierende Teenager
Riad Sattouf über „Jungs bleiben Jungs" - Gespräch zum Film 07/10
Das Fiktive verliert sich
Tizza Covi und Rainer Frimmel über „La Pivellina“ - Gespräch zum Film 06/10
Haltung entwickeln
David Sieveking über „Davis Wants to Fly“ - Gespräch zum Film 05/10
Sinn abringen
Jessica Hausner über "Lourdes" - Gespräch zum Film 04/10
Ein Bauchgefühl
Frieder Wittich über „13 Semester“ - Gespräch zum Film 01/10
Kinder, nicht Täter
Alexandra Westmeier über „Allein in vier Wänden“ - Gespräch zum Film 12/09
Dokumentarfilmer als Therapeut
Marko Doringer über „Mein halbes Leben“ - Gespräch zum Film 10/09
Das macht man nur einmal
Jan Henrik Stahlberg über „Short Cut to Hollywood“ - Gespräch zum Film 09/09
Auf Stereotype verzichten
Bettina Haasen über „Hotel Sahara“ - Gespräch zum Film 08/09
Zeitgenössisches Märchen
Ursula Meier über "Home" - Gespräch zum Film 07/09
Für alle Altersgruppen
Maren Ade über "Alle Anderen" - Gespräch zum Film 06/09
Therapeutische Kraft
Alexander Adolph über "So glücklich war ich noch nie" - Gespräch zum Film 04/09
Anti-Heimatfilm
Wolfgang Murnberger über "Der Knochenmann" - Gespräch zum Film 03/09
Emotionale Wahrheiten
Frank Miller über "The Spirit" - Gespräch zum Film 02/09
Mediale Selbstausbeutung
Cordula Kablitz-Post über "Christoph Schlingensieff - Die Piloten" - Gespräch zum Film 01/09
Von gut nach böse
Andreas Coerper über "Heimatkunde" - Gespräch zum Film 12/08
"Lonely old slogans"
Peter Ott über "Übriggebliebene ausgereifte Handlungen" - Gespräch zum Film 11/08
Formen der Gewalt
Katharina Klewinghaus über "Science of Horror" - Gespräch zum Film 10/08
Das bin ich
Niko von Glasow über "Nobody's perfect" - Gespräch zum Film 09/08
Vertrauensverhältnis
Tom Schreiber über "Dr. Alemán" - Gespräch zum Film 08/08
Rituelle Vernetzung
Ted Gaier über "Hölle Hamburg" - Gespräch zum Film 07/08
Super 8-Look
André Schäfer über "Lenin kam nur bis Lüdenscheid" - Gespräch zum Film 06/08
Organ der Abgrenzung
Ingo Haeb über "Neandertal" - Gespräch zum Film 05/08
Am Zoll vorbei
Gespräch zum Film 04/08
Viele Reibungspunkte
Gespräch zum Film 03/08
Filmische Skizze
Gespräch zum Film 02/08
Produktionswunder
Gespräch zum Film 01/08