trailer: Herr Busemann, wieso sind Sie Sportler geworden?
Frank Busemann: Am Tag meiner Geburt bin ich im Sportverein angemeldet worden. Da bleibt einem nichts anderes übrig. Meine Eltern waren beide Trainer und haben mich schon sehr früh auf den Sportplatz mitgenommen. Ins Wettkampfgeschehen bin ich als Sechsjähriger mit Fußball eingestiegen. Ein Jahr später bin ich zur Leichtathletik gekommen. Als ich zehn war, zu Boris Beckers Zeiten, kam dann noch Tennis dazu.
Der Fußball war es dann doch nicht?
Ich habe da oft drüber nachgedacht. Wäre das ein Weg gewesen? Die Leichtathletik war aber schon auf mich zugeschnitten. 90 Minuten am Stück laufen? Ich bin ein schnellkräftiger Typ, der schnell übersäuert. Diese Ausdauerleistung hätte ich nicht stemmen können. Bewegungstalentiert bin ich. Vielleicht wäre ich ein guter Tennisspieler gewesen. Aber mit diesem „hätte“, „wenn“ und „wäre“ kommt man nicht weiter.
Wie war denn so die Kindheit in Recklinghausen?
Wunderbar. Im Neubaugebiet konnten wir mit vielen anderen Kindern Buden bauen. Bretter gab es genug. Vater ist in den Baumarkt gefahren und hat kiloweise Nägel gekauft. Wir konnten auf der Straße Fußball spielen, Tennis spielen, Rollhockey spielen. Die Fahrräder und Roller und Bobby Cars blieben immer auf der Straße stehen. Ist nie was weggekommen. Das war ländliche Idylle im Osten von Recklinghausen.
Ist das Ruhrgebiet eigentlich ein Leichtathletik-Land?
Nee – das muss man ganz klar sagen. Die Bemühungen sind da, in Wattenscheid und auch in Dortmund. Aber an die Bedeutung des Fußballs wird keine andere Sportart im Ruhrgebiet die nächsten 200 Jahre heranreichen. Da darf man sich keiner Illusion hingeben. Schön ist hier aber die enorme sportliche Vielfalt. Wenn man in den Alpen wohnt, muss man Skifahren. Wenn man hier wohnt, kann man jede Sportart betreiben, in Bottrop sogar Skifahren.
Wie findet man denn den passenden Sport?
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Oft muss man als Kind zu einer Sportart hingeführt werden, sei es durch Eltern oder durch Freunde. Ein Sechsjähriger wird nicht von allein auf die Idee kommen, zum Beispiel lateinamerikanisch tanzen zu gehen.
Warum macht der Mensch überhaupt Leichtathletik?
Laufen, werfen und springen sind ganz rudimentäre Bewegungsabläufe. Wie bei jedem Leistungssport geht es um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Willen. Ziele müssen fokussiert werden. Ein Leben ohne Leichtathletik wäre für mich nur halb so schön gewesen.
Sie coachen inzwischen Manager. Was kann man von Ihnen lernen?
Ich appelliere an die persönlichen Ressourcen. Es ist wichtig, alles zu versuchen, was in der Macht des Einzelnen möglich ist, um am Ende des Tages erfolgreich nach Hause zu gehen. Man wird auf seinem Weg, egal ob im Leistungssport, im Alltag oder im Beruf, immer wieder Fehler machen. Trotzdem ist es wichtig, sich selbst im Spiegel jeden Morgen einen guten Morgen wünschen zu können.
Ist Leistungssport nicht auch gefährlich, gar tödlich?
Würde Doping freigegeben, Leistungssport wäre tödlich, weil es ein maßvolles Dopen nicht gibt. Wer zu langsam ist, nimmt immer eine Pille mehr. Aber auch sonst bewegt sich der Leistungssportler auf einem ganz schmalen Grad zwischen Verletzung und Bestleistung. Man trainiert bis an die Verletzung heran und hofft, doch gesund zu bleiben.
Sie sind aus Ihren Krisen herausgekommen?
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jede Verletzung auch etwas Gutes hat. Natürlich waren die Verletzungen beschissen. Ich habe mich bedauert. Ich habe getrauert. Ich bin an der Ungerechtigkeit der Welt verzweifelt. Aber jede Lebenszeit hat ihre Höhen und Tiefen. Der Misserfolg gehört zum Erfolg wie die Siegerehrung.
Was hat Ihnen geholfen?
Das Schreiben war wichtig. Zunächst wollte ich mich auf meinem Weg zur Goldmedaille und zum Weltrekord schriftlich begleiten. Ich schrieb ohne den Hintergedanken einer Veröffentlichung. Das Schreiben war ein Ventil für mich. Nachdem ich meinen Erwartungen nicht gerecht werden konnte und geschrieben und geheult habe, merkte ich, dass ich mir nicht mehr einen in die Tasche lügen konnte. Mein Körper, so wurde mir klar, gab einfach nicht mehr her. Mein Lebensziel, Weltrekord und olympisches Gold, habe ich nicht erreicht. War das nun ein komplettes Scheitern? Oder zählt nicht doch die weise Erkenntnis: Ich habe alles gegeben, habe keinen Punkt liegengelassen.
Sportler schreiben aber eher selten …
Das stimmt. Als ich am Tag meines Rücktritts meine Autobiographie einem Verlag vorschlug, fragte man mich, wann sie denn fertig sei. Ich sagte: „Jetzt, sonst würde ich ja nicht anrufen.“ Dann fragte man mich, wer die geschrieben hatte. Und als ich dann sagte, dass ich die selbst geschrieben hatte, war man schon sehr erstaunt. Schreiben macht mir unglaubliche Freude. Mein letztes Buch hab ich abends auf dem Sofa zur Entspannung geschrieben.
Zur Zukunft: Wann kommen die Olympischen Spiele ins Ruhrgebiet?
Booah ey! Ich befürchte, niemals. Die Globalisierung wirkt auch beim Sport. So sind nun erst mal Metropolen auf anderen Kontinenten dran.

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