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Einen Apfel essen, auch wenn ein Maschendrahtzaun davor aufgespannt ist
Foto: StandOut

Ist das Revier narrensicher?

Karnevalistisches Treiben gehört hier nicht zu den Grundtugenden – THEMA 02/12

In dem verrauchten Hinterzimmer einer ansonsten rauchfreien Kneipe müht sich ein Büttenredner ab. „Die Camilla vom Charles hat ein Gebiss, die kann einen Apfel essen, auch wenn ein Maschendrahtzaun davor aufgespannt ist.“ Die Pointe wird vom Tusch eines Alleinunterhalters, der das musikalische Rahmenprogramm liefert, unterstrichen. Der Applaus folgt zögernd. Etwa vierzig ältere Besucher zählt die Festsitzung irgendwo im westlichen Ruhrgebiet. Tatsächlich, so gibt der Veranstalter zu, der allerdings ungenannt bleiben möchte, hat der Karneval in seiner Stadt schon bessere Zeiten gesehen. Der Nachwuchs bleibt aus. Die jungen Leute gehen, wenn sie lachen wollen, zu den Comedians, die unablässig durch die Republik touren, oder bleiben gleich vor dem Fernseher sitzen. Lustigkeit kennt beim jungen Volk keine jahreszeitlich bedingten Grenzen. Karneval als Brauchtumsveranstaltung sei nicht deren Ding, erklärt der Mittfünfziger, der selbst schon einmal Prinz Karneval war. Dabei sei es doch etwas ganz anderes, wenn man selbst seine Veranstaltungen plant und durchführt, als wenn man sich einfach nur berieseln ließe.

50 Kilometer weiter östlich, auf der Zeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen, sieht das Martin Kaysh ganz ähnlich. Der Satiriker, der mit seiner Figur des Steigers eine der tragenden Figuren des alternativen Karnevals „Geierabend“ bekleidet und gerade mitten in der Probenarbeit steckt, schwärmt von der guten alten Zeit, als im Ruhrgebiet noch ganz klein und fein gefeiert wurde. „Früher wurde im Saal von der einzigen Kneipe der Zechensiedlung Karneval gefeiert. Die Ostpreußen haben Ostpreußenwitze erzählt, die Schlesier haben Schlesierwitze erzählt, dann saß noch jemand mit dem Akkordeon in der Ecke oder mit Bandoneon oder mit singender Säge.“ Der Kabarettist kann sich sogar noch daran erinnern, wie in der katholischen Gemeinde St. Barbara in Marl während einer Karnevalsveranstaltung eine leibhaftige Nonne im Schalke-Trikot aufgetreten ist. Die aktuellen konventionellen Karnevalsveranstaltungen besucht der Recklinghauser nicht. Vor vielen Jahren, als er noch Lokalreporter war, musste er früher öfters zu Herrensitzungen und war nicht wirklich amüsiert. Den Geierabend, der seit nunmehr 20 Jahren als Alternative zu Altherrensitzungen veranstaltet wird, sieht er da eher in der Tradition dessen, was er als Kind erlebte. Und der verzeichnet erstaunliche Zuwachsraten. In den Anfängen spielte man im Theater Fletch Bizzel vor 30 Leuten, inzwischen besuchen pro Session 18.000 Menschen das Spektakel, mehr als alle anderen Karnevalsveranstaltungen der Stadt zusammengenommen.

Kirche und Klerus spielen im Ruhrgebiets-Karneval so gut wie keine Rolle
Obwohl der Geierabend natürlich auch eine Reaktion auf die Stunksitzung ist, die neben anderen Veranstaltungen den Kölner Karneval aus seiner traditionellen Erstarrung befreite, sieht man sich nicht als bloße westfälische Version der Narrenrevolution am Rhein. Kirche und Klerus, die in Köln immer für Programmpunkte, Skandale und Gerichtsprozesse sorgten, spielen auf der Bühne in Dortmund-Bövinghausen so gut wie keine Rolle. Karneval allgemein hat im Ruhrgebiet nicht die Tradition, die ihm in seinen Hochburgen anlastet. Aber auch die Rolle der Katholischen Kirche ist zwischen Duisburg und Dortmund differenzierter zu bewerten. Bischöfe aus Essen, Paderborn, Münster und Köln teilen sich das Ruhrgebiet auf. Das Dortmunder Publikum weiß oft gar nicht, wer in Essen Bischof ist. Und dem Ruhrgebietsinsassen ist das, so die Einschätzung von Martin Kaysh, auch herzlich egal. Die Region ist sehr viel säkularer als die Domstadt am Rhein. Mit leichtem Schmunzeln macht er dann aber doch etwas Werbung für seine Konfession, die ihn als Karnevalist auszeichnet: „Bis 1803 war es Protestanten im Vest Recklinghausen verboten, dort zu übernachten.“ Dies war eine Regelung, die, so bedauert der Katholik aus Marl, leider aktuell keine Anwendung mehr findet. Konfessionell ist das Ruhrgebiet nämlich ein Flickenteppich. Schon bei der Besiedelung vor über hundert Jahren kamen aus den unterschiedlichsten Regionen Menschen mit verschiedenen Religionen geströmt. Dabei war es nicht unerheblich, welcher Konfession der maßgebliche Zechen- oder Fabrikbesitzer anhing. War er evangelisch, holte er sich seine Arbeiter aus evangelisch geprägten Landstrichen Deutschlands, war er katholisch, suchte er als Arbeiter eher Katholiken. Flüchtlingsströme nach dem Krieg verwischten die schwachen Grenzen noch mehr. So ist hier der Karneval kaum als Brauchtum historisch verwurzelt. Eher könnte man den 1. Mai als Ruhrpott-Fest inklusive Knappenchor und Bergmannskapelle begreifen, hätte sich die Region nicht längst von einer Arbeiterbastion zu einer Angestelltensiedlung verwandelt. So bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als ein multikulturelles Brauchtum zu pflegen. Weihnachten und Zuckerfest, Karneval und Tag der Arbeit, Ostern und Jom Kippur, Meisterschaftsfeier in Dortmund und eben auch Karneval: Alle Feste werden gefeiert, wie sie fallen.

LUTZ DEBUS

Tags: Thema 02/12

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