In den frühen 90ern wurde der 1957 in Herne geborene Joachim Król durch seine Rollen in „Wir können auch anders“ und „Der bewegte Mann“ schlagartig berühmt. In den folgenden Jahren hat er in einer ganzen Reihe der erfolgreichsten deutschen Filme jener Zeit mitgewirkt, als „Commissario Brunetti“ und „Lutter“ schließlich auch im Fernsehen Erfolge gefeiert. Seit Mai 2011 ermittelt er als Frank Steier für den „Tatort“ des Hessischen Rundfunks. Im Kino wird er in diesem Monat als Geschäftsreisender in „Ausgerechnet Sibirien“ zu sehen sein.
trailer: Herr Król, „Ausgerechnet Sibirien“ wurde fernab der Zivilisation gedreht, wie einige Ihrer älteren Filme auch. Ist das überhaupt noch etwas Besonderes für Sie?
Joachim Król: Natürlich, immer wieder! Es sind ja auch stets ganz andere Ecken, in die man dabei kommt. Ich kann allerdings nicht leugnen, dass das hier wahrscheinlich der anstrengendste Dreh war, den ich bis jetzt in meinem Leben gemacht habe! Obwohl sich die Produktion wirklich um die bestmöglichen Bedingungen gekümmert hat, war das schon kräftezehrend. Zumal ich, wenn ich das richtig weiß, bis auf eine Szene in jeder einzelnen des Films dabei bin. Das war schon ein Pensum, das sich gewaschen hatte.
Aber ich vermute, dass die Dreharbeiten trotzdem einen Mehrwert für Sie mitbrachten, weil Sie wahrscheinlich in eine ganz andere Kultur eintauchen konnten …
Das ist für mich daran auch das ganz Wunderbare, weil man bei solchen Dreharbeiten einen ganz anderen Status hat als beispielsweise ein Tourist. Ein Tourist ist immer ein Betrachter, oder er wird herumgeführt. Wenn man mit einem Team und einer Aufgabe irgendwo landet, ist man sofort integriert. Wir hatten ein gemischtes Team, mit teilweise russischen Kollegen, daraus hat sich dann schnell ein Alltagscharakter ergeben, weil man dazu gehört. Aber leider war bei dieser Belastung viel zu wenig Zeit, um Land und Leute kennen zu lernen. Alles, was am Rande passiert, nimmt man dabei natürlich gerne mit.
Hatten Sie vor den Dreharbeiten schon einmal etwas von diesem Kehlkopfgesang gehört, den Ihre Figur im Film als etwas völlig Neuartiges entdeckt?
Ich hatte davon im Vorfeld schon gehört. Aber Dreharbeiten sind für mich auch eine Einladung, mich mit einem Thema genauer zu beschäftigen, oder in diesem Fall in etwas hineinzulauschen, was man zuvor noch gar nicht richtig kannte. Ich hatte mit Michael Ebmeyer, dem Autor der Romanvorlage, schon während der Vorbereitungen zu tun. Auf dessen privater Reise nach Sibirien basiert sein Roman. Der hatte damals tatsächlich eine Kehlkopfsängerin kennen gelernt, das hat also einenauthentischen Hintergrund. Wir haben die Geschichte für den Film ein bisschen modifiziert, wir hören hier nicht 1:1 das, was die Schoren in ihrer Volkskultur singen oder musizieren, das ist ein wenig abgewandelt, aber für mich war das auf jeden Fall eine interessante neue Erfahrung.
Man konnte lesen, dass Ihnen die Rolle direkt auf den Leib geschrieben wurde. Bezieht sich das dann eher auf das Drehbuch, bei dem Ebmeyer dann neben seinen eigenen Erfahrungen auch noch Sie in die Figur des Matthias Bleuel einfließen ließ?
Wenn dieser Satz mit „auf den Leib geschrieben“ stimmen würde, dann müsste mein Leib mittlerweile voll sein (lacht). Was mir alles auf den Leib geschrieben worden sein soll … das ist eine Floskel, die ich nicht mehr hören kann. Ich hatte Ebmeyers Roman gelesen, den dieser geschrieben hatte, ohne mich zu kennen. Es war nur für die Produzentin naheliegend, so eine Figur wie Matthias Bleuel, die einigen meiner Figuren aus den frühen 90er Jahren gleicht, mir anzubieten. Das war für sie erfolgsversprechend.
Trotzdem scheint mir eine gewisse Ironie darin zu stecken, dass Bleuel so gerne Hörbücher hört, wohingegen Sie sehr häufig welche einsprechen. Wurde dieses Detail eingefügt, als klar war, dass Sie die Rolle spielen werden?
Nein, im Roman hat der Matthias Bleuel eine noch viel größere Affinität zu dieser Fantasywelt, einer Art Pseudo-Schamanismus. Deswegen ist das für ihn so faszinierend, wenn er plötzlich in Sibirien in der Realität auf so etwas trifft. Aber mit dieser Thematik habe ich denkbar wenig zu tun. Ich produziere gerne Hörbücher, aber ich bin gar kein so großer Konsument von Hörbüchern. Man nimmt nicht irgendwelche Sachen aus dem Privatleben eines Schauspielers, weil es ihm dadurch vermeintlich leichter fällt, in seine Rolle hineinzufinden.
Matthias Bleuel trifft im Film zufällig auf einen alten Schulkameraden. Ist das Joachim Król auch schon einmal passiert?
Es kann mir passieren, dass ich Leuten begegne, bei denen ich mir ganz gewiss bin, dass ich sie schon einmal getroffen habe. Ich bin ein Namens-Legastheniker, Namen fallen mir überhaupt nicht ein. Sehr witzig ist, dass ich derzeit auf der Titelseite des DB-Magazins abgebildet bin und deswegen wohl bundesweit auf jedem zweiten Bundesbahnsitz liege. Dadurch melden sich gerade unheimlich viele Freunde und Freundinnen aus der Vergangenheit, und freuen sich, dass sie mir auf diese Weise wiederbegegnen. Es ist heutzutage ja auch ganz einfach, mit E-mail oder SMS über meine Agentur einen Gruß zu schicken. Aber so eine konkrete Situation wie in der Szene mit Armin Rohde im Film fällt mir eigentlich nicht ein. Dass Schauspieler im Privaten auf andere Schauspieler treffen, das passiert alle zwei bis drei Tage. Man trifft sich ständig irgendwo am Flughafen, denn wir Schauspieler sind Reisende, darum macht mir das auch einen solchen Spaß, diese Aufgaben zu übernehmen. Wir sind ohnehin Reisende, und durch Filme wie diesen wird das dann noch verdoppelt, weil wir dadurch noch an exotische Orte gelangen können.
Wo ist denn bei den vielen Reisen mittlerweile Ihr Lebensmittelpunkt? Immer noch in Köln oder nun auch in Berlin, wie bei den meisten Filmschauspielern?
Ich teile das mittlerweile auf, ich pendle zwischen Berlin und Köln. Das hat sich so ergeben, Berlin ist für unsere Branche schon sehr sehr wichtig geworden. Aber Köln ist mir persönlich als Standort noch wichtig, ich weiß auch nicht, ob sich das in Zukunft überhaupt ändern wird. Das geht nun schon eine ganze Weile so, und Köln ist für mich ein ganz guter Kompromiss, man ist hier von allem gleich weit weg (lacht).
Haben Sie festgestellt, dass sich Ihre Popularität, nachdem Sie nun beim „Tatort“ eine Kommissar-Hauptrolle übernommen haben, noch weiter gesteigert hat?
Auf jeden Fall! Es gab immer schon Sprünge in der Wahrnehmung durch die Öffentlichkeit. Das hat mit den ersten Kinoerfolgen angefangen, das war mein Einstieg. Nachdem ich mich dann auch etwas mehr um Fernsehrollen gekümmert habe, gab es dann solche Popularitätsschübe mit Commissario Brunetti und mit Lutter, aber mit dem „Tatort“ ist das nun noch einmal um eine Stufe gestiegen. Diese Veränderung ist wahrnehmbar, aber nicht unangenehm.
Gibt es bei Ihnen den Wunsch, eine ganz bestimmte Rolle einmal zu spielen, zu der Sie bislang noch nicht die Gelegenheit hatten?
Meine jahrelange Erfahrung hat mich hier gelehrt, dass man auf solche Entscheidungen keinerlei Einfluss hat, es sei denn, man schreibt und/oder produziert selbst. Aber das ist nicht meine Neigung, und das ist nicht mein Talent. Daher muss ich und will ich nach wie vor auf Einladungen und Überraschungen reagieren können. Rollen verändern sich mit dem zunehmenden Alter, und ich kann mich nicht erinnern, jemals auf einen Produzenten zugegangen zu sein und ihm gesagt zu haben, dass ich diese oder jene Rolle gerne mal spielen würde. So funktioniert das auch nicht.
Auf der Theaterbühne sind Sie ja nach wie vor immer mal wieder gerne aktiv …
Ende 2011 habe ich in Berlin mit einer wunderbaren Truppe „Der Kirschgarten“ auf die Bühne gebracht, das spielen wir immer noch, demnächst sogar in Liechtenstein auf einem Gastspiel und werden das immer mal wieder reaktivieren. In Dresden werden wir damit im Juni auftreten. Aus diesem Zusammenhang hat sich ein Gespräch ergeben und wir suchen gerade nach Stücken für eine Folgeproduktion im nächsten Jahr. Also, das Theater hat mich wieder!
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