Caius Martius ist ein Mann der Tat. Keiner, der gerne viele Worte macht. Als General im Krieg muss er das auch nicht. Seine militärischen Erfolge sprechen für sich und bringen ihm Ruhm und Ehre ein. So wird er zum umjubelten „Coriolanus“, dem Feldherrn, der die feindliche Stadt Corioles quasi im Alleingang eingenommen hat. Im zivilen Leben aber geht seine Strategie nicht auf. Um Konsul zu werden, wie es seine ehrgeizige Mutter für ihn vorgesehen hat, muss er sich vor dem Volk gut verkaufen. Das liegt ihm nicht. Der Offizier spricht gerne Klartext und teilt auch gerne aus. Das kommt nicht gut an und wird schnell zum Verhängnis. Denn seine politischen Gegner haben nur darauf gewartet, ihm mit Hilfe einer ganzen Meute junger eifriger Internet-„Campaigner“ jedes Wort im Munde zu verdrehen. Der Kriegsheld wird im mediokratischen Getriebe in Windeseile demontiert; das angestachelte Volk jagt Coriolanus zum Teufel. Doch diese Niederlage lässt der Kämpfer nicht auf sich sitzen. Aus dem einstigen Vorzeige-Partrioten wird der nun gefährlichste Staatsfeind, der auf Rache und Vernichtung brennt.
Fünf Akte widmete William Shakespeare dem Aufstieg und Fall des römischen Feldherrn Coriolanus. Zwar ist die Tragödie nicht unbedingt in Vergessenheit geraten, auf die Bühne schafft sie es heute allerdings nur noch selten. Das Schauspiel Essen geht das Wagnis ein, mit diesem eher unpopulären, düsteren Shakespeare ihre Spielzeit zu eröffnen. „Ich Widerstand“ ist diese überschrieben. Und dazu passend zeigt Regisseur Thomas Krupa junge „Facebook-Revoluzzer“, die im Namen des Volkes den Umsturz mit Laptop und Internet herbeiführen wollen. Diese Idee allein wäre noch nicht übermäßig originell. Allerdings liefern Andreas Jander, Jana Findeklee und Joki Tewes dazu überaus wirkungsvolle, aufwändig produzierte Videoeinspielungen, die auf drei Seiten der offenen Raumbühne projiziert werden und die sich verselbstständigende digitale Propaganda-Maschinerie sinnlich erfahrbar machen. Krupa zeigt in dieser Kulisse eine starke und schlüssig aktualisierte Inszenierung, ohne dem 400 Jahre alten Text Gewalt anzutun. Letzteres führt zwar auch dazu, dass die Aufführung mehr als drei Stunden dauert. Langeweile kommt allerdings in keiner Sekunde auf.
„Coriolanus“ I 1.11., 19 Uhr I Grillo Theater, Essen I Karten: 0201 812 22 00
Tags: Grillo-Theater
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