Unvermittelt wird ein unbescholtener Bürger zum Mörder: Ein Staatsanwalt – erfolg- reich, verheiratet, gesellschaftlich angesehen – greift zur Axt und träumt den tödlichen Traum von der absoluten Freiheit. Er tötet je- den, der sich ihm in den Weg stellt – schein- bar ohne Motiv, wider alle Konventionen und Gesetze. Doch Graf Öderland ist kein Revolutionär, sondern frustrierter Teil eines sinnlosen Systems auf der Suche nach dem wirklichen Leben. Als mehr und mehr Menschen seinem Beispiel folgen, sieht er sich auf einmal an der Spitze einer Freiheitsbewegung. Max Frisch schrieb kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sein Buch „Graf Öderland“. Nur wenige konnten mit dem Inhalt etwas anfangen, auf der Bühne scheiterte es. Jetzt bringt der junge Schweizer Regisseur Achim Lenz seine Version in den Mülheimer Ringlokschuppen.
trailer: Herr Lenz, Frisch behauptet, in der Gesellschaft könne Vitalität nur kriminell wer- den. Sollte man also Hartz IV abschaffen und stattdessen Waffen verteilen?
Achim Lenz: Max Frisch meint Vitalität, die unterdrückt wurde. Die kann sich nur explosivartig, gewalttätig verändern. Das große Thema ist für den Grafen Öderland dieser Vulkan Santorin, da will er hin. Bei ihm war das so, dass er sein ganzes Leben lang einen Traum hatte von diesem Schiff, mit dem er wegfahren wollte, aber diesen Traum nie verwirklichen konnte. Seit seiner Kindheit ist er in bürgerliche Bahnen gelenkt worden, hatte dann beruflich sehr viel Erfolg. Er ist ein guter, ordentlicher Mensch, sehr gewissenhaft, aber diese Sehnsuchtsschiene hat er nie ausgelebt, die ist er nie angegangen, hat nie getan, was ihn wirklich interessiert hat. So geriet er immer weiter in den Sumpf hinein, in das Öderländische, bis es dann wirklich mal radikal aufgebrochen ist. Das ist es, was Frisch unter Vitalität versteht, einer negativen Vitalität, die immer geschlummert hat und dann explodiert. Man muss dem Menschen seine Freiheit lassen. Doch um den einzelnen Menschen vor diesen Leuten und der Gewalt zu schützen, werden die Menschen vom Staat so weit eingeschränkt, das es nur noch solche Leute gibt. Das ist der Kreis, und Frisch hat das schon nach dem Zweiten Weltkrieg erkannt.
Wird das Stück heute besser verstanden, oder sind nur die Vergleichsmöglichkeiten mit der Gegenwart größer geworden? Ich glaube, man kann das Stück heute besser verstehen. Frisch hat ja in Paris, als die 1968er Revolution vorbei war, selbst gesagt, dass man das Stück vor diesem Hintergrund verstehen könnte. In den 1950er Jahren konnte das Stück nur ganz schlecht ankommen,weil man immer sofort wissen wollte, auf welcher Seite Frisch steht: Ist er nun Kommunist oder Faschist, steht er zur Schweiz, oder steht er nicht zur Schweiz? Das ist auch der Grund, warum man angefangen hat, diese Fichen über ihn zu führen, das sind Akten, vergleichbar mit den Stasiakten in der ehemaligen DDR. Die Schweiz hat auch solche Akten gehabt. Man hat in das Stück immer das hineingelesen, was man in den Autor hineinlesen wollte. In den 1960er Jahren hat man es dann noch mal mit einer Inszenierung in Frankfurt probiert, aber auch da ist es nicht gut angekommen, selbst Kortner konnte damit nichts anfangen. Das Stück ist schwierig, das Ende ist so eine Moritat, es hat keine Dramaturgie, die bis zum Ende durchgeht. Da muss man beim Inszenieren richtig ackern.
Amokläufe nehmen irgendwie zu. Spielt die Gier nach Medialität nicht eine größere Rolle als mögliche unerfüllte Lebensträume? Ganz eindeutig. Diese Amoktäter leben in dieser Medialität, wo sich ein großer Wunsch entwickelt, wenigstens einmal wahrgenommen zu wer- den. Das ist ein Grundprinzip bei Blutbädern wie in Winnenden oder beim Attentat von Zug in der Schweiz. Seltsamerweise steckt das überhaupt nicht im Stück. Denn der Öderland will ja überhaupt nicht wahrgenommen werden. Er macht alles immer nur für sich selbst. Er will nach Santorin, nimmt diese Inge mit, eine hübsche junge Frau. In jedem Augenblick schaut er, wo gehe ich jetzt selbst entlang. Er will ja auch gar nicht diese Macht, die er am Schluss dann doch kriegt, er will einfach nur leben. Was dann passiert, die gesamte Medialität, das ist das Zeichen, dass die Axt, die er benutzt, zu einem Symbol für andere geworden ist. Doch das interessiert ihn gar nicht, das findet er lächerlich.
Wenn keine Ideologie mehr Sinn macht, was bleibt dann noch? Ich glaube nicht, dass Ideologien keinen Sinn mehr machen. Ich sehe das auch nicht als Ideologie an, was diese Hauptfigur da tut. Das ist, was wir heute beschreiben als „seinen eigenen Weg gehen“, als die Individualgesellschaft. Das ist das eigentliche Thema. Aber die Ideologie muss da sein, es muss solche Menschen geben, die sie aufbauen. Aber was Öderland tut, ist nicht die Verwirklichung eines eigenen Weges, er tut es einfach. Und da ist kein philosophischer Hintergrund. Er entwirft keine Wege für die Gesellschaft. Er entwirft nichts. Es liegt am Einzelnen, dies zu machen. Auch Frisch war nie der große Philosoph. Er hat sich nicht für Politik interessiert, er hat sich für Frau- en, Reisen und Literatur interessiert.
Bleibt nur gnadenloser Egoismus? Eigentlich fatal. Doch was Frisch zeigt, ist eigentlich, dass, wenn es jemand tut, dann tun es plötzlich alle. Und dann funktioniert der Egoismus wieder nicht. Das ist wie Individualtourismus. Wenn alle mit dem Rucksack nach Thailand gehen, dann ist das auch vorbei. Das ist das Traurige am Schluss. Momentan endet das Stück bei uns auch sehr traurig. Man muss den Öderland heu- te nicht nur in diesem staatspolitischen Rahmen sehen. Wichtig für mich ist, was in dem einzelnen Menschen abgeht, das ist etwas, wo man sich identifizieren kann, es ist meine Theaterform, wo ich ansetze. Was passiert mit einem, der sein ganzes Leben gedeckelt wurde, und dann springt der Deckel auf?
ZUR PERSON
Achim Lenz, geboren 1978 und aufgewachsen in Chur, studierte an der Universität Basel Griechisch, Latein und Alte Geschichte. 2005 begann er sein Studium der Schauspielregie an der Folkwang Hochschule in Essen. Hier inszenierte er unter anderem „Sappho – es sinkt nun die Sonne“ (2006), „Bier für Frauen“ von Felicia Zeller (2006), „tötet die liebenden“ von Xavier Durringer (2007) und „Alkestis“ nach Euripides (2008). Seine Produktion „T-A-N-N-Ö-D“, welche als Ensemblearbeit im Rahmen des Treffens aller deutschsprachigen Schauspielschulen entstand, wurde 2008 mit dem Max-Reinhardt-Preis des österreichischen Bundesministeriums aus- gezeichnet. Achim Lenz ist Förderpreis- träger des Kantons Graubünden, des Eliette-von-Karajan-Kulturfonds und der Armin-Ziegler-Stiftung für Regie und Schauspiel.
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