trailer: Herr Wittke, Sie kommen aus Buer. Ist Buer schön?
Oliver Wittke: Sehr schön. Ich bin in einer kleinen Siedlung aufgewachsen. Das war für mich eine heile Welt. Damals gab es da noch viel Grün drumherum. Wir haben Buden gebaut, Baumhäuser. Gleichzeitig gab es schon die Infrastruktur einer Stadt, das Hallenbad, ein Spielzeuggeschäft, ein Kino.
Das Parkstadion wurde gerade gebaut?
Mein Vater und ich sind Sonntagvormittag, wenn die Mutter kochte, immer schwimmen gegangen. Auf dem Rückweg haben wir immer einen kleinen Umweg gemacht zum „Baustelle-Gucken“.
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Wie sind Sie dann in der Diaspora zur CDU gekommen?
Ich komme aus einem unpolitischen Elternhaus. Mein Vater hatte, weil er aus einer Arbeiterfamilie kommt, immer SPD gewählt, meine Mutter, weil sie aus einer Beamtenfamilie kommt, immer CDU. Beide wussten nicht warum. Später haben beide CDU gewählt und wussten auch, warum.
Sie haben Ihre Eltern überzeugt?
Meine Mutter habe ich im Glauben gefestigt. Meinen Vater habe ich zum Konvertiten gemacht. Ich bin in einer Zeit politisiert worden, in der über den NATO-Doppelbeschluss gestritten wurde. Die Nato wollte Pershing-II-Raketen in Mitteleuropa stationieren, wenn die Sowjetunion ihre SS-20-Raketen nicht wieder abzieht. Ich teilte die Meinung von Helmut Schmidt und der CDU. Nur vertrat der damalige Kanzler eine Einzelmeinung in seiner Partei SPD. So bin ich zur CDU gekommen.
Und wie lebte es sich als CDUler in Buer?
Ich fühlte mich wie ein weißer Rabe. Ich wurde schon komisch angeguckt. Da war jemand, der war in einer Partei, die nichts zu sagen hat. Es gab eine SPD-geführte Bundesregierung, eine SPD-geführte Landesregierung, einen SPD-Oberbürgermeister und die sozialdemokratischen Lehrer in meiner Schule. Trotzdem hat mir mein Geschichtslehrer, wohl auch ein überzeugter Sozialdemokrat, in der Abi-Wertung 15 Punkte, also eine Eins plus gegeben.
Wegen der Karriere sind Sie also nicht in die CDU gegangen?
Es ging mir damals nicht nur um den Doppelbeschluss. Mir ging es auch um die grundsätzliche Frage, wer macht dem Menschen Vorschriften, was sie zu tun und zu lassen haben, wer setzt nur auf Egoismus und wer versucht, einen Mittelweg zu gehen. Die Grünen gab es da ja noch gar nicht.
Wären Sie sonst bei den Grünen gelandet?
Zumindest nicht bei der SPD oder bei der FDP. Mir war die CDU sympathisch, weil sie sagte, zunächst ist jeder für sich selbst verantwortlich, aber wenn er nicht mehr klarkommt, ist die Gesellschaft da, die ihn auffängt.
In der CDU sind Sie dann aber kometenhaft aufgestiegen.
Da ist viel Glück dabei gewesen. Ich bin relativ jung in den Stadtrat gewählt worden, war da wohl auch ein Rebell. Ich habe an einer Ratssitzung nicht teilgenommen, weil meine Fraktion drohte, komplett den Saal zu verlassen, wenn ich sprechen würde. Da war ich kurz davor, meine junge politische Karriere wieder zu beenden. Es ging dabei um die Übertragung von städtischem Wohneigentum. Ich plädierte dafür, zunächst den Mietern ein Kaufangebot zu machen.
Das hat Ihrer Karriere letztlich aber nicht geschadet.
Ein paar Jahre später bin ich in den Landtag gewählt worden. Ohne die Unterstützung der Jungen Union hätte ich das nicht geschafft. Normalerweise heißt das: „Hinten anstellen“. Und andere waren vor mir dran. Nach viereinhalb Jahren war das aber auch wieder vorbei. Hier in Gelsenkirchen wurde ein Oberbürgermeisterkandidat gesucht. Ich wurde mit 123 Stimmen Vorsprung gewählt. Ich hatte dabei viel Glück, denn die äußeren Umstände passten. Die Bundesregierung unter Brioni- und Cohiba-Kanzler Schröder hatte einen klassischen Fehlstart hingelegt. In Düsseldorf fetzten sich Clement und Höhn und in Gelsenkirchen gab es einen Oberbürgermeister, der von seiner eigenen Partei nicht wieder aufgestellt wurde, weil sie ihm eine Reihe von Skandalen übelnahm.
Als Oberbürgermeister hatten Sie aber auch die Probleme mit dem Hans-Sachs-Haus zu verantworten.
Mich unterscheidet von meinem Amtsnachfolger, dass ich entschieden habe, und zwar in einer Vielzahl von Projekten. Wir haben die Erlebniswelt Zoom auf den Weg gebracht. Da spricht heute kein Mensch mehr drüber, weil es ja gut gegangen ist. Wir haben die Neue Synagoge auf den Weg gebracht. Wir haben Schloss Berge saniert. Wir haben viele Straßenbauprojekte begonnen. Ich war da die Lokomotive und habe gesagt: „Wir machen das.“ Wir haben auch das Hans-Sachs-Haus sanieren wollen und das ist schief gegangen. Wenn man arbeitet, können Fehler passieren. Nur derjenige, der nichts tut, macht keine Fehler.
Kurz, nachdem Sie als OB nicht wiedergewählt wurden, wurden Sie Minister in Düsseldorf. Hier habe ich ein Zitat von Ihnen aus jener Zeit: „Windkraft ist das Erste, was wir kaputtmachen“. Sind Sie noch Ihrer Meinung?
Ich glaube inzwischen, dass wir mit regenerativen Energien die Energiewende schaffen können. Deshalb werden wir Windkraft brauchen, wir werden Windkraft auch weiter ausbauen müssen. Aber Windenergie muss auch umweltverträglich sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass auf der Hohen Bracht im Sauerland, einer der schönsten Landschaften in NRW, Windräder stehen. Die passen besser auf die Halden des Reviers, auch entlang von Eisenbahntrassen und Autobahnen.
Als Verkehrsminister waren Sie eher Straßen- als Schienenminister.
Ich sehe Verkehrspolitik eher pragmatisch als ideologisch. Der Straßenverkehr wird in den nächsten Jahren rapide zunehmen. Und NRW ist ein Ballungsraum. Das Autobahnkreuz Leverkusen passieren täglich 180.000 Fahrzeuge. Auf der Autobahn zwischen Wismar und Rostock müssen Sie mehrere Monate zählen, um auf diese Summe zu kommen.
Die Grünen sagen, wer Straßen sät, wird Staus ernten?
Das ist Quatsch. Die Grünen machen Pippi-Langstrumpf-Politik nach dem Motto „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt“. Die Überseehäfen von Polen, der Ukraine, Weißrussland und den baltischen Staaten heißen Rotterdam und Antwerpen. Wenn Sie die Nummernschilder der LKWs auf der A2 anschauen, wissen Sie, warum diese Autobahn im Volksmund Warschauer Allee heißt. Früher dachte man, Europa endet in Helmstedt. Aber inzwischen weiß man, dass Europa bis zum Ural reicht.
Und bis zum Bosporus? Sie sind Gründungsmitglied des Deutsch-Türkischen-Forums in der CDU.
Eine Volkspartei wie die CDU muss für alle Bürger Politik machen. In Berlin gibt es inzwischen mehr Muslime als Katholiken. Deshalb hat Bundespräsident Gauck recht mit seinem Satz: „Die Muslime gehören zu Deutschland“.
Aber Ihre Partei heißt doch CDU und nicht MDU?
Mir haben viele Muslime, die in die CDU eingetreten sind, gesagt, dass sie lieber in einer Partei sind, in der der Glaube eine Rolle spielt, als dass sie in einer atheistischen Partei wären. Es sei zwar nicht ihr Glauben, aber das Wertefundament sei ähnlich. Darum fühlen sich viele Muslime in der CDU gut aufgehoben.
Wie geht es Ihnen eigentlich mit der CDU und deren vielen gescheiten und gescheiterten Männern? Wulff, zu Guttenberg, all diese Politiker wurden doch demontiert.
Diese Männer haben sich ja eher selbst demontiert.
Aber die Medien jagen inzwischen ja nicht nur die Sau, sondern auch den Politiker durchs Dorf.
Natürlich haben die Medien die Funktion der Kontrolle. Aber das darf nicht in einer Hetzjagd münden. Im Fall Wulff waren sich alle Medien einig, dass der Bundespräsident zurücktreten muss. Dabei missverstanden sie ihre Rolle. Medien sollen berichten, aber nicht richten. Richten kann nur das Volk bei Wahlen, oder eine ordentliche Gerichtsbarkeit. Es werden sich immer weniger qualifizierte Menschen finden, die sich so einem Kesseltreiben aussetzen. Ich habe wegen zu schnellen Fahrens sechs Seiten in der Bild-Zeitung bekommen. Da war die Verhältnismäßigkeit nicht mehr gewahrt.
Wie geht es denn mit der CDU in NRW und im Ruhrgebiet weiter?
Das wird schwierig werden. Wir haben nach wie vor eine Vielzahl von engagierten Kommunalpolitikern. Auf diese Basis kann man bauen. Wir stellen auch im Ruhrgebiet Bürgermeister, in Recklinghausen, Hagen, Hamm. Eines haben alle Parteien verstanden: Festgefahrene Strukturen gibt es nicht mehr. Keiner kann sich sicher sein, seine Mehrheiten verteidigen zu können. Der Sieg der SPD bei den Landtagswahlen muss sich keinesfalls bei den Kommunalwahlen in zwei Jahren fortsetzen. Die Wähler sind flexibler geworden. Und das ist gerade eine große Chance für die CDU im Ruhrgebiet. Die Zeiten, in denen man hier einen roten Besenstil aufstellen konnte und der wird dann gewählt, sind vorbei.
Sammeln Sie eigentlich noch Panini-Bilder?
Die habe ich nie gesammelt. Mein Sohn war leidenschaftlicher Sammler. Er gab mir eine Liste mit den Bildern mit, die ihm noch fehlten und den Bildern, die er doppelt hatte. Ich kannte einen Landtagskollegen, der auch sammelte. Nachdem das Foto veröffentlicht wurde, auf dem ich mit dem Panini-Album zu sehen war, bekam ich das Bild über zwanzigmal zugeschickt. Ich bekam Tauschlisten bis aus Kanada zugeschickt. Die Firma Panini schrieb mir einen Brief, in dem sie sich für die Werbung bedankte. Außerdem schickte sie mir ein Bild von Jens Lehmann zu. Das war eine echte Rarität, denn es wurde nur in kleinster Auflage gedruckt. Im Album war nur Oliver Kahn vorgesehen.
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