Zum ersten Mal findet das neue Internationale Frauenfilmfestival Dortmund I Köln im Ruhrgebiet statt. Über die 2006 vom Land NRW erzwungene Fusion von femme totale und Feminale rumort es hinter den Kulissen immer noch. trailer sprach mit der Festivalleiterin Silke J. Räbinger über das aktuelle Thema „Freiheit“, die derzeitige Lage im Filmsektor und die Zukunft.
trailer: Frau Räbiger, was hat ein Mann auf einem Frauenfilmfestival zu suchen?
Silke J. Räbiger: Ich denke, er interessiert sich erst einmal genauso wie Frauen für Filme. Denn was wir in unserem aktuellen Programm zeigen, ist auch ein Querschnitt durch die internationalen Filmproduktionen. Außerdem ist das Thema „Freiheit“ gerade besonders spannend. Es beleuchtet viele verschiedene Aspekte, und das ist für Frauen und Männer gleichermaßen interessant. Die acht Filme, die für den Wettbewerb ausgesucht sind, sind gleichzeitig ein Ausschnitt aus der weltweiten Kinematografie, und unser Programm können wir Männern wie Frauen nur ans Herz legen.
Wie viel hat künstlerische Freiheit mit Geld zu tun?
Das hat auch mit Geld zu tun. Freiheit spielt sich ja auf unterschiedlichen Ebenen ab. So wie wir sie auf diesem Festival präsentieren, hat es auch etwas damit zu tun, sich frei entscheiden zu können. Dazu greifen wir auch die Themen Migration und Grenzen auf. Auch da hat vieles oft mit Geld zu tun, wenn Menschen nämlich aus ihrer Heimat emigrieren, wo sie keine Lebenschance, keine Möglichkeit haben, ihren Lebensunterhalt für sich und ihre Familien zu verdienen. Die Zahlen sind seit Beginn des neuen Jahrtausends unheimlich hoch, man kann von modernen Völkerwanderungen sprechen.
Wie wichtig ist die Diskrepanz zwischen Kunst und Kommerz?
Das ist ein schwieriges Verhältnis. Schaut man sich ein normales Kinoprogramm an, wird man erkennen, dass es für ein normales Lichtspielhaus kaum möglich ist, mit experimentellen Filmen, mit anderen Formen der Filmkunst wirklich auch Geld zu verdienen. Doch darauf ist das Kino eben ganz klar angewiesen. Viele Programmkinos stellen sich immer noch dieser wichtigen Aufgabe, eben auch Filme zu zeigen, die nicht in diesen Multiplex-Mainstream hineinpassen. Dazu haben wir in den letzten Jahren ein Abwandern der Filmkünstlerinnen und Filmkünstler in den Kunstkontext zu verzeichnen. Ich sage da bewusst abwandern. Viele, die vor 15 bis 20 Jahren noch im Festivalprogramm waren und die wir auch heute noch gerne zeigen würden, sind inzwischen dahin abgewandert, und auch das hat etwas mit Geld zu tun. Der Kunstsektor hat einfach mehr Mittel zu verteilen, und zusätzlich wird da wohl auch mehr Freiheit zugelassen, nicht nur auf der Ebene der Bildsprache, auch der Präsentation. Selbst beflügelt durch Medienkunst im traditionellen Kunstbetrieb. Der hat sich ja enorm geöffnet, und vielleicht sind viele experimentelle Filmerinnen da sogar besser aufgehoben als in der Filmszene. Ich finde das extrem schade für die Filmszene und die Festival-Landschaft.
Gibt es heute zu viele neue Schnittmengen zwischen den Künsten?
Der künstlerische Film hat auf den kleineren Festivals oder den bekannten Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen immer ein Forum gehabt. Auch unser Festival ist immer ein Hort für den experimentellen Film gewesen, und das bleibt auch so. Aber es gibt noch andere Schnittmengen. Besonders wenn man an das Tanztheater denkt, wo viel mit bewegten Bildern gearbeitet wird oder an den traditionellen Theaterbetrieb, wo unheimlich viele Inszenierungen das Medium Film nutzen. Das hat natürlich auch etwas mit der leichteren Verfügbarkeit und Umgänglichkeit von Videofilmen zu tun. Es gibt also ganz viele Überschneidungen, und die Grenzen zwischen den Künsten sind längst fließend. Ich glaube sogar, wenn ich über die Aspekte des Festivalthemas Freiheit nachdenke, dass es manchmal auch zu viel Freiheit geben kann. Das hört sich für den Künstler erst einmal polemisch und ketzerisch an, aber wir haben es mit einer Situation zu tun, wo auch im sozialen Bereich bestimmte Regeln einfach weg sind. Aber vielleicht brauchen Menschen eine bestimmte Richtlinie zur Orientierung. Momentan habe ich das Gefühl, dass sich da ganz viel in Auflösung befindet. Da wird etwas Neues kommen, aber die momentane Phase des Umschwungs kann auch sehr verunsichern.
Haben Filmemacherinnen andere Inhalte?
Das kann durchaus sein. Der künstlerische Prozess bei Männern und Frauen setzt ja erst einmal an der eigenen Identität, an der eigenen Sozialisation an, und eine weibliche Sozialisation ist eben eine andere als die männliche. Ich denke, Frauen haben auf die Welt einen anderen Blick, oder sie gehen anders mit bestimmten Phänomenen um. Sie können sich eher mit Frauenfiguren identifizieren, weil die ihnen vertraut sind. Das schließt natürlich überhaupt nicht aus, dass Regisseurinnen wie beispielsweise die Französin Nicole Garcia nicht auch hervorragend Männer inszenieren können und natürlich umgekehrt. Aber ich glaube, dass Frauen Frauengeschichten oft näher sind.
Die Feminale in Köln sieht die Fusion endgültig als gescheitert an. Ist das so?
Die Fusion ist nicht gescheitert. Jeder weiß, dass es kein freiwilliger Zusammenschluss war. Doch wir haben 2006 gemeinsam Konzepte entwickelt, wir haben gemeinsam die Verhandlungen bestritten für ein fusioniertes Festival. Dann wurde ein neuer Trägerverein gegründet. Eines der festgelegten Ziele in der Satzung war, dass der Prozess zu einem internationalen Festival in den Städten Köln und Dortmund führen musste. Das geschah mit Zustimmung und Beteiligung beider Ursprungsvereine Feminale und femme totale. Von dem Zeitpunkt an ist die Verantwortung für das neue Internationale Frauenfilmfestival Dortmund I Köln an diesen neuen Trägerverein übergegangen. Die Ursprungsvereine haben einen unmittelbaren Zugriff auf dieses Festival nicht mehr. Sicher haben sie noch inhaltlichen Zugriff auf die Thematik des jährlichen Festivals über die Mitgliedschaft im neuen Trägerverein. Aber seit den Unterschriften ist die Fusion endgültig zementiert.
Wie sieht die Zukunft aus?
Ich hoffe, sie sieht nicht negativ aus. An die Zusammenarbeit muss man sich gewöhnen, aber wir haben eine bunte Mischung von Mitarbeitern aus ganz NRW, und dieses Team arbeitet seit Ende 2007 erfolgreich zusammen und wird auch das Festival 2010 in Köln durchführen.
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Philipp Preuss über seine Uraufführung von "Karl Stuart" - Premiere 05/09