Wer der Motor der Energiewende ist? Ende 2009 hielten Stromkonzerne und Regionalversorger zusammen 15 Prozent an der bundesweit installierten Grünstrom-Leistung. Viel weiter sind ihre Bürger-Kunden: Denen gehörten zu diesem Zeitpunkt 42 Prozent der Erzeugungskapazitäten, neun weitere Prozent wurden von Landwirten gehalten. Eine „bürgerliche Mehrheit“ – die wächst.
Für den Bochumer Alexander Momotov war die Sache sonnenklar: Das Familienheim sollte von der Wärme vom Himmel profitieren. Zunächst schraubte man Solarthermie-Kollektoren aufs Süd-Dach, zur Duschwasser-Bereitung und Heizungsunterstützung: „2007 kam eine 7-kW-Fotovoltaik hinzu.“ Die liefert jedes Jahr mehr als 6000 Kilowattstunden Ökostrom und sorgt via Einspeisevergütung für eine nette finanzielle Rendite. Ende 2010 zählten die Stadtwerke 10.000 kW installierter Solar-Leistung auf Bochums Dächern, der größte Teil in Bürgerhand. Geschätzter Output: 9 Millionen Kilowattstunden.
Die Momotovs sind in doppelter Hinsicht Prototypen einer starken Bewegung: Nach Jahren schwieriger Diskussionen, zäher Fortschritte und schließlich verlängerter Atomkraftwerks-Laufzeiten (aber auch ermutigender Beispiele wie dem der Schönauer „Strom-Rebellen“) nehmen Bürger die Energie aus erneuerbaren Quellen in eigene Hände. Und sie tun es meist in ihrem Haus-Revier.
„Ein deutliches Bekenntnis zur Region“ legt die junge Solargenossenschaft Essen ab: Der Zusammenschluss von nunmehr 60 Bürgern hat seit 2008 vier Fotovoltaik-Anlagen mit 111 kW Leistung auf Essener Dächern errichtet. „Natürlich weiß man“, sagt Vorstandsfrau Andrea Kamrath, „dass man woanders vielleicht günstigere Verhältnisse vorfindet. Aber wir wollten in unserer Stadt tätig werden. Und, dass die Schüler die Anzeigetafeln sehen und mitbekommen, was sich über ihren Köpfen abspielt.“ Mittlerweile ist das fünfte Solarkraftwerk auf dem Gymnasium Überruhr in Planung, Gespräche laufen mit Duisburg und Mülheim. Und für neue Mitglieder gibt es eine Warteliste.
Die nicht ganz einfach zu gründende Bürgergenossenschaft ist „eine sehr demokratische Rechtsform“. Zudem erlaubt sie die Teilnahme mit kleinen Beträgen: Unter den Genossen sind zahlreiche, die sich mit gerade einmal 250 Euro Anteil einbringen konnten. Ihre Stimme zählt aber genau so viel wie die jener Mitglieder, die bis zu 30.000 Euro beisteuerten. Dass man „die Bürger mitnehme“, brachte Kamraths Mitstreitern die Sympathie der Stadt Essen, dem Eigner der Dächer. Darauf tummeln sich weitere Bürgergruppen, etwa ein Solar-Unternehmen, das Mitarbeiter und Nachbarn beteiligte.

Solaranlagen lohnen sich vor allem, wenn man den Strom im Haus selbst verbraucht
Foto: Borowski
Eine ähnliche Erfolgsgeschichte schrieb Dortmund, das diverse kommunale Dächer zur sonnigen Nutzung ausschrieb. Der Solarbauer „Solarplus“ bebaute allein 31 Schuldächer mit einer Anlagengröße von 948 kW Leistung. Diese erzeugen jährlich fast 900.000 Kilowattstunden Ökostrom und sparen nebenbei 559 Tonnen CO2 ein.
„Solarplus prüft die Dächer auf Verwendbarkeit, Bauzustand und Statik“, erklärt Co-Geschäftsführer Ansgar Bek. „Dann konzipieren und errichten wir die Anlagen in bürgerfreundlichen Größen von meist 6 kW.“ Bisher sind 43 Privatpersonen, die daheim womöglich über kein eigenes oder taugliches Dach verfügen, so zu Solarkraftwerks-Eignern geworden, viele mehrfach. Weitere 42 beteiligten sich mit Genussscheinen, die von „Solarplus“ mit bis zu fünf Prozent verzinst werden.
Anlagekapital ist wohl vorhanden. Die Volksbank Ruhr-Mitte, überwiegend im eher armen Gelsenkirchen und Herten verortet, präsentierte jüngst per Bilanz auch die Finanzpotenz ihrer Mitglieder: 1,42 Milliarden Euro. Fast dreimal so viel horten Kunden der Sparkasse Bochum. Angesichts der Erfahrungen mit Börsencrash und windigen Finanzprodukten wundert es kaum, wenn – auch noch umweltbekömmliche – Sachanlagen Aufwind spüren. Die Rendite für eine 4- bis 5-kW-Solaranlage (Kosten: 10.000 bis 15.000 Euro) funkelt zwar nicht mehr wie Mitte 2010. Aber „vier bis sieben Prozent“ sind nach Überzeugung des Solarbauers Markus Borowski erzielbar. Das Zauberwort heißt: Eigenverbrauch.
Nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz wird jede Kilowattstunde, die man selbst nutzt, mit 12,36 Cent vergütet. Mit den aktuell gesparten 22 Cent, die sonst beim Energieversorger fällig wären, kommt man auf eine hübsche Rendite. „Es hat auch einen psychologischen Effekt“, sagt der Oberhausener Energieberater Bert Bleckmann, „seine Spül- oder Waschmaschine anzuwerfen, wenn gerade die Sonne scheint.“ Ein Eigenverbrauch von 30 Prozent der Jahresleistung und mehr sei sehr realistisch. „Auf dem eigenen Dach empfehle ich das grundsätzlich.“
Das Bürgerinvest mit Dächern zu fördern, hapert in einigen Städten. Bochum baut allenfalls selbst Solaranlagen auf frisch sanierte Kommunaldächer. Auch in Gelsenkirchen „läuft sehr wenig“, hat die Grünen-Fachfrau Irene Mihalic beobachtet – „erstaunlich, weil sich Gelsenkirchen doch Solarstadt nennt.“ Und über eine Potenzialstudie verfügt, nach der es möglich wäre, die Stadt zu mehr als 100 Prozent mit den „Erneuerbaren“ zu versorgen. Eine Steilvorlage für kleine Leute, die Großes bewirken wollen.
Für Alexander Momotov hat sich das Engagement übrigens noch einmal gelohnt. Die Bochumer Stadtwerke nahmen das Familienhaus in den neuen „Energiepfad Süd“ auf – eine Rad-Tour zu Orten umweltfreundlicher Energieerzeugung. Da kann besichtigt werden und auch gefragt: „Watt kost’? Und lohnt sich datt?“ Welch Frage …

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