Hundert Dinge – so schlicht und unspektakulär der Titel des Buches daherkommt, so sehr hat es diese Textsammlung in sich. Einhundert Dinge beziehungsweise Begriffe des Alltags unterzieht das Autorenduo Mirko Kussin und Tobias Wimbauer einer sehr persönlichen Betrachtung. Dabei knüpfen sie nicht an die Fakten- und Tabellensammlungen an, die im Windschatten von „Schotts Sammelsurium“ die Buchhandlungen überschwemmten, sondern nähern sich den Objekten ihres Schreibens literarisch. Subjektiv und liebevoll schreiben sie über Salzteignamensschilder, Nasenhaarschneider oder Schrebergarten. Die „Liste“ wird als Liste abgehakt, die IKEA-Tüte „Frakta“ erhält endlich die ihr gebührende Würdigung, und der Text zum Ehering gerät zu einer Liebeserklärung.
Vom Face- zum gebundenen Buch
Den Dortmunder Mirko Kussin wurde in trailer bereits 2009 vorgestellt, als er als Stipendiat des Klagenfurter Literaturkurses das Ruhrgebiet gegen den Wörthersee tauschte. Der große Verlagsvertrag lässt seitdem noch auf sich warten, doch das Projekt mit dem umtriebigen Antiquar und Kleinverleger Tobias Wimbauer hat das Potential, aus der literarischen Nische heraus zum Kult zu werden. Auf die Frage, wie es zu dieser Idee kam, berichtet Kussin: „Die Idee zu dem Projekt hatte Tobias. Und er ging wohl schon länger damit schwanger. Er hatte aber nie den „richtigen“ Partner gefunden, um dieses Projekt über die Distanz von 100 Texten aufrechtzuhalten.“ Diesen Partner fand er dann im Internet: „Irgendwann fragte er mich via Facebook, ob ich nicht Lust an einem gemeinsamen Projekt hätte und stellte es mir ein paar Tage später per Mail ausführlich vor. Als großer Fan der deutschen Pop-Literatur der 1990er Jahre war ich sofort begeistert und sah das riesige Potenzial.“ Das Netz bildete dann auch im weiteren Verlauf der Arbeit an dem Buch die wichtigste Grundlage: „Bemerkenswert und typisch für die gesamte folgende Arbeit an dem Buch war die Tatsache, dass Tobias und ich uns zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich aus der virtuellen Welt kannten. Aus einer Folgerei bei Twitter wurde eine Folgerei bei Facebook, und immer häufiger kommentierten wir uns gegenseitig. Wirklich getroffen hatten wir uns bis dato nur wenige Male. Und so verlief auch der komplette Austausch über die Texte der Hundert Dinge via Mail, Facebook und Twitter.“
Fifty/Fifty plus Eins
Die beiden Autoren teilten sich die Arbeit gerecht auf. Jeder wählte für sich fünfzig Begriffe aus, zu denen im Laufe der Zeit Texte entstanden. „Ich schrieb Texte, Tobias schrieb Texte, und sobald einer fertig war, bekam der andere ihn zugemailt. Das Vorwort schrieb Tobias, und ich ergänzte es an einigen Stellen. Einen Text verfassten wir gemeinsam: Zum Thema „Fight Club“ schrieben wir beide unsere Gedanken. Absatzweise, fast wie einen Dialog.“ In einem Begleitblog zum Buch (www.hundertdinge.wordpress.com) konnte man verfolgen, wie der Arbeitsstand zwischen September 2011 und Januar 2012 voranschritt. Hier finden sich Fotos einer Wandtafel aus Mirko Kussins Wohnküche, auf der er Begriffe notierte, über die er auf jeden Fall schreiben wollte – und man ahnt, dass es den beiden letztlich schwergefallen sein muss, sich auf nur einhundert Dinge beschränken zu müssen. Ebenso schwer fällt Kussin, einen Favoriten aus der Textsammlung zu benennen: „Ein Lieblingsding aus dem Buch zu nennen, fällt mir schwer. Schließlich sind „meine“ 50 Dinge allesamt so wichtig gewesen, dass ich darüber einen Text verfasst habe. Ich mag aber besonders die Texte von mir, die über den eigentlichen Gegenstand hinausgehen. Das sind meist die ruhigeren Texte, etwa über Postkarten, das Aquarium oder Tagebücher. Auf Lesungen mag ich gerne den „Listen“-Text und „Letzte Dinge“, einfach weil sie unglaublich Drive und Rhythmus haben. Und der Text zur IKEA-Tüte ist immer eine Bank.“
Nicht den Illies machen
Der Vergleich zu Florian Illies’ „Generation Golf“ drängt sich auf, wenn Dinge, die für eine Generation wichtig sind, literarisch erfasst werden. Kussin räumt ein, „Generation Golf“ sehr zu mögen, schließlich seien die dort auftauchenden Namen, Produkte und Fernsehsendungen ins kollektive Bewusstsein übergegangen. Dennoch sieht er seinen Ansatz anders: „Wetten dass, Nutella, Playmobil. Kennt jeder, hat jeder Assoziationen und Erinnerungen zu. Dadurch ist das aber auch ein wenig vorhersehbar und langweilig. Ich habe versucht, immer eine persönliche Komponente in meine Texte zu bringen. Beim Text über den Commodore 64 geht es halt nicht um Summer Games, den Competition Pro und Zak McKracken, sondern um mein Gefühl, immer etwas zu spät zu sein. Ich wollte wirklich meine Sicht auf die Dinge wiedergeben. Nicht die Sicht meiner Generationsgenossen auf diese Dinge.“
Und so klingt auch das Statement zum Buch sehr selbstbewusst: „Es gibt Bücher über Generationen. Die sind entweder Wir- oder Sie-Bücher. Nicht wir-oder-die als Freund-Feind-Unterscheidung, sondern aus der Innenperspektive („Wir“). Oder eben von außen geschildert („Sie“). Das verallgemeinert meist das Erleben des Autors oder ist ein Schnipselwerk. (…) Wir kamen zu der Überzeugung, dass ein Portrait, wenn nicht gar eine Soziologie unserer Generation, der im 1970er-Jahrzehnt Geborenen und in den 70ern und 80ern Sozialisierten, über ein Bündel von Bildern, von Details, von Umständen, von Dingen möglich ist. Oder frecher formuliert: dass es anders gar nicht geht.“ Dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, außer vielleicht der Frage, wie es mit Mirko Kussins Roman weitergeht, für den er immerhin schon vor einiger Zeit den Förderpreis der Gesellschaft zur Förderung der westfälischen Kulturarbeit (GWK) erhalten hat: „Das Manuskript liegt immer noch halbfertig auf meinem Rechner, und es will fertiggestellt und verkauft werden. Aber die Arbeit an den „Hundert Dingen“ hat unglaublich viel Spaß gemacht, und nun stehen erst mal Lesungen für dieses Projekt auf dem Programm.“ Wer weiß – vielleicht hat Mirko Kussin mit diesem Buch fünfzig wichtige Stufen zur Veröffentlichung seines Romans in einem größeren Verlag genommen?
Mirko Kussin / Tobias Wimbauer: Hundert Dinge
Eisenhut Verlag I 144 Seiten I 14,90 €
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Die "Fist of Emotion" trifft ins Schwarze
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