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Tatort oder Performancefläche: Der inzwischen entfernte Schriftzug an der Bochumer Christuskirche
Foto: Ingmar Burmann

„Es ist niemand getötet worden“

Ein Spruch an einer Bochumer Kirche sorgt für hitzige Diskussionen: Pfarrer Wessel und seine Frau im Gespräch - Premiere 09/11

Über Nacht sprühte eine unbekannte Person an die Bochumer Christuskirche den Satz „Tötet die Deutschen“. Nach einer Woche brachte Pfarrer Thomas Wessel die Aktion in die Öffentlichkeit, eine kontroverse Diskussion entbrannte, die fast theatralische Züge annahm. Zahlreiche Hypothesen beherrschten die Auseinandersetzung. Ayla Wessel, Ehefrau des Pfarrers mit türkischen Wurzeln, begann Menschen, die im Vorbeigehen eine Reaktion auf die Parole zeigten, zu fotografieren. Dann ermittelte auch der Staatsschutz, der Schriftzug wurde entfernt. Doch immer noch geistern die drei Worte um die Kirche, kommen Menschen zum Schauen, und um sich fotografieren zu lassen vor der Wand, die jetzt wieder sauber ist. Ein Grund mehr, die Vorgänge, die auch performativen Charakter haben, noch einmal zu beleuchten.

trailer: Herr und Frau Wessel, der Staatsschutz hat ermittelt, aber niemanden gefunden?
Thomas Wessel (TW): Bisher nicht. Interessant ist, dass man denselben Spruch zur gleichen Zeit auch noch mal in der Alleestraße an der Volkshochschule gefunden hat. Das haben die rausgekriegt. Vielleicht ist das wichtig für die Frage, ob der Spruch gezielt an eine Kirche gesprüht wurde, denn die wurde dadurch natürlich ein bisschen relativiert.

War das zwischen dem Sprühen und dem Entfernen nicht auch eine Art theatralischer Vorgang?
TW: Ja, klar. Theatralisch schon deswegen, weil der Staatsschutz uns immer ein bisschen über die Schulter geschaut hat und gefragt hat, wann kommt der Spruch denn endlich weg. Aber ich habe gesagt, ich müsse erst mal eine Ausschreibung machen lassen (lacht). Das wären die Verwaltungsvorschriften. Wir haben das ja eine Woche lang einfach stehen lassen und haben intern herumgefragt und diskutiert: Ist das wichtig zu nehmen? Ist das ernst zu nehmen? Dazu muss ich sagen, dass die Vorgänge vor dem Massaker in Oslo stattgefunden haben. Wir haben bei den Aktionen festgestellt, der Spruch ruft eindeutige Empörung hervor, aber es gibt auch eindeutige Belanglosigkeit, für manche hat das überhaupt keine Bedeutung – und dazwischen gab es noch ganz viel Unsicherheit, auch eine Unfähigkeit, die inhaltliche Lesbarkeit zu formulieren. Darüber konnte man auch diskutieren. Uns interessierte nicht diese Eindeutigkeit in der Empörungsgestik oder in dieser „Überall steht immer irgendwas“-Egalität, sondern wie man in dieser breiten Mitte eine Sprachform hinkriegt, in der es möglich wäre, darüber zu reden, bevor tatsächlich irgendetwas Schlimmes passiert ist. Das ist ja der Unterschied zu Berlin oder Oslo. Wir reden ja bewusst hypothetisch und das nicht, weil wir nicht wissen, wer es gemacht hat, sondern weil ja im Grunde nichts Schlimmes passiert ist. Es ist niemand getötet worden.

Foto: Ayla Wessel

Der Autor der Zeile wollte eine „pseudo-radikale“ Parole, aber nicht selbst Hand anlegen.
TW: Wir haben am Anfang festgestellt, es gibt im Grunde drei Fragen. Erste: Wer war es? Sie fanden wir sofort uninteressant, weil rumzuspekulieren nichts bringt. Das muss die Polizei klären. Zweitens: Wer soll getötet werden: die Deutschen. Drittens: Aber wer soll töten? Wer fühlt sich aufgerufen? Das finde ich weiterhin die interessanteste Frage. Also, welche Typologien oder Gruppen von Menschen gibt es in dieser Gesellschaft, die möglicherweise von so einem Aufruf, so einer Vernichtungsfantasie angesprochen werden? Das fand ich in der Diskussion im Internet gut, dass es da einer immer sagte, dass das eine öffentliche Vernichtungsfantasie sei. Man muss sich fragen, ist dieser Schriftzug wirklich belanglos oder gibt es tatsächlich Leute, die den Aufruf attraktiv finden. Denken wir immer daran, das war vor Oslo. Und Oslo verändert diese Geschichte, glaube ich, im Nachhinein zumindest ein bisschen.

Andererseits ist Deutschfeindlichkeit in Deutschland eher absurd.
TW: Im Internet erzählte jemand von einem Touri-Dorf in Spanien, wo nur die Deutschen auf und ablaufen, dort stand auf Deutsch „Ausländer raus“. Das hatten wohl Deutsche gesprüht. Klar ist das alles hier auch absurd. Das zeigt ja auch die Fotoaktion von Ayla.

Ayla Wessel (AW): Also ich habe mich nicht gefragt, wer das an die Fassade geschrieben hat, das soll der Staatschutz ermitteln und die Polizei. Was mich persönlich interessiert hat, als ich den Satz gesehen habe, war, ob ich eigentlich auch angesprochen bin. Ich bin gebürtige Türkin, aber auch deutsch. Daher fühlte ich mich natürlich angesprochen. Und alle, die hier sind, deutsch sind oder deutsche Europäer, sind angesprochen. Nun stelle ich mir die Frage, wer sind denn überhaupt die Deutschen? Wer soll hier getötet werden? Wie sieht denn ein Deutscher aus? Muss er eine Steckfrisur haben, dann ist man Deutsch. Oder ein offenes Kleid anhaben, hochhackige Schuhe, Fingernägel rot lackiert? Die Antwort darauf sind die Fotos. Da sieht man nämlich dieses heillose Durcheinander, einen Riesen-Cocktail aus unterschiedlichen Menschen. Und da sieht man auch, wie europäisch eigentlich Deutschland ist und dass es den Deutschen überhaupt nicht gibt, schon lange nicht mehr.

Wo kamen die Menschen her?
TW: Auf diesen Bildern sind alles Leute von hier. Die haben wir nicht rangekarrt. Das sind Menschen, die hier vorbeilaufen, die hier arbeiten oder was zu tun haben. Eine der ersten Ideen war ja: Das sind Fotos wie in einem Detektivfilm bei Philip Marlowe. Die Besucher sehen dieses Bild: Das ist die Zielperson, töten sie sie. Als ob ein Auftragskiller genau diesen Auftrag kriegt: Töte die Deutschen.

Bleibt die Sprühperformance eine Episode oder wird sie dokumentiert?
AW: Dokumentiert wird das ein Stückweit natürlich schon. Die Fotoserien zeigen im Grunde genommen sehr viel, ohne viele Worte darum zu machen. Darüber kann man dann auf eine sehr souveräne Art und Weise diskutieren. Das ist meine Erfahrung mit den Menschen, die hier vorbeigekommen sind und die ich für die Fotos gefragt habe. Es ist, wie auch sie darüber gesprochen haben. Diese Souveränität sollte auch mit den Fotos abgebildet werden.


Foto: Ayla Wessel

Thomas Wessel
Foto: Privat
Thomas Wessel: Studium in Berlin. Arbeitete als Freier Journalist, Barmann und LKW-Fahrer in Kreuzberg, später an der Evang. Akademie Berlin und beim Antirassismusprogramm der Kirchen. Seit 1998 Pfarrer an der Christuskirche Bochum. Verheiratet mit Ayla Wessel.
Aber jetzt ist die Aktion vorbei?
TW: Das ist eine schwierige Frage.
AW: Nur weil diese Vernichtungsfantasie an der Fassade weg ist, ist sie aber nicht aus den Gedächtnissen der Menschen weg. Die fragen immer noch danach: Geht es weiter? Können wir noch vorbeikommen? Und die Menschen stellen sich fürs Foto auch noch vor diese Wand ohne den Aufruf, wissen aber genau wo sie stehen und wissen ganz bewusst, was da hinter ihnen einmal stand. Das finde ich sehr gut.

Also bleibt: Fürchtet Euch nicht?
TW: Dahinter besser ein Ausrufezeichen.

Ayla Wessel
Foto: Privat
Ayla Wessel: Geboren in Ereğli-Konya, Türkei. Studium und Ausbil- dung in Bochum und Essen. Dozentin für Europa-Ökonomie und Kulturkommunikation. Mit ihrer KULTUR- AGENTÜER realisiert und begleitet sie ästhetische und politische Projekte.
Also nicht fürchten?
AW: Nein!
TW: Mir ist bei dieser Aktion auch noch mal klar geworden, dass sich die Gesellschaft in den letzten, ich sag mal vorsichtig 20-30 Jahren erheblich geändert hat. Sie ist insgesamt stabiler geworden, gelassener. Das liest sich jetzt nach dieser Tat von Oslo auch noch mal anders, aber die unmittelbaren Reaktionen darauf fand ich alle irgendwie behämmert. Diese Verrückte gibt es immer. Aber diese Diskussion über die Deutschen und die Ausländer, die haben wir nicht mehr, die gibt es nicht mehr, die ist vorbei.

Die Fotoaktion von Ayla Wessel geht noch weiter. Wer sich vor der Fassade fotografieren lassen möchte, kann sich unte: kulturagentuer@gmx.de melden.

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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