Sieben weiße Türen, dahinter metallischer Stangenwald, langsam rieselt Sand auf den Boden. Das Stundenglas leert sich. Anders als bei Flüssigkeiten strömen die Sandkörner gleichmäßig. Zeit zum Nachdenken, reflektieren, sammeln. Wer gedacht hatte, dass Malou Airaudo bei ihrer zweiten Choreografie mit dem Herner Tanztheater Renegade in den Bochumer Kammerspielen wieder ein Feuerwerk abbrennen würde, wurde großartig überrascht. Das Stück „Der verlorene Drache“ ist eine Hommage an die vergehende Zeit, unaufgeregt, bewegungsstark und mächtig in der Leere. Den Titel habe sie in einem Café aufgeschnappt, sagt Airaudo im Interview. An Feuer und Energie habe sie das erinnert; mir schwebte während der Performance eher das Bild des im Baum hängenden Papierspielzeugs vor Augen, das verloren scheint, obwohl es eben noch der Herrscher der Lüfte war. Traurigkeit ist eines der ganz wichtigen Elemente, mit denen das Tanztheater spielt. Malou Airaudo, einst Tänzerin bei Pina Bausch, hatte mit „Irgendwo“, einer Tanzorgie auf Holzkästen, im letzten Jahr einen Publikumsrenner. Damals galt es als Wagnis, die B-Boys in eine klassische Choreografie einzubauen. Doch das ist eigentlich nie geschehen. Airaudo kreierte eine ziemlich ungewöhnliche Melange aus beiden Stilen, die dann sogar als neue Tanzform gefeiert wurde.
Die neue Bühne hätte auch bei Pina Bausch in der Wuppertaler Oper stehen können, Türen sind eben auch Portale für Zwischenwelten und mythische Wege in menschenleere Ödnis. Die Choreografie lebt von den stillen, sehr wirksamen Bildern, in denen sich die Tänzer bewegen, sie wiederholen Bewegungen seriell auf dem Boden über den Türen, gruppieren sich um, bilden Paare oder Gruppen, während unten auf dem Parkett getanzt wird. Es ist die sonderbare Mischung aus moderner Klassik und innovativem Breakdance, die den Reiz dieser magischen Stunde Theater ausmacht. Eine Klammer für die eigentlich gar nicht vorhandene Geschichte vom Drachen ist der Popping-Spezialist Christian „Robozee“ Zacharas. Er bewegt sich im Stakkato eines Stroboskops über die Bühne und braucht dafür nicht einmal Licht. Seine mechanischen Bewegungen kontrastieren die anderen Tänzer, gestatten aber auch Überleitungen in neue Bilder, wo die Bewegungen eher fließen oder die Akrobatik die Oberhand behält. Insbesondere die grundsätzliche Widersprüchlichkeit, die durch die beiden unterschiedlichen Tanzstile erzeugt wird, hält die Inszenierung in Bewegung und die Spannung hoch. Es ist ein Kommen und Gehen zwischen den sieben Türen, die nicht nur Bühnenbild, sondern auch Spielfläche sind und optischer Reiz. Das Licht wechselt sparsam, ändert sich wie im Lauf der Jahreszeiten, während die Tänzer wie Siebengestirne die vergehende Zeit vermessen. Das schönste und magischste Bild entsteht aber, wenn ein großer Stein in die Mitte der Arena gebracht wird. Dient er anfangs noch als Requisit für tänzerische Balance-Akte, wird er danach erst zum Mittelpunkt eines geharkten Zen-Gartens, mutiert dann mit Hilfe des Rechens endgültig zum Schallplattenhalter eines Spielers. Das ist ein phänomenaler Regieeinfall, der gleichzeitig auch den Spannbogen darstellt, in dem das Stück angelegt ist. Danach wird die Fläche wieder zerstört, wie ein Mandala, das Mönche nach wochenlanger Arbeit der Natur zurückgeben. Am Ende findet jeder Protagonist seine Tür, die er mit den Füßen im gemeinsamen Rhythmus bewegt. Das Licht geht aus, der Beifallssturm beginnt.
„Der verlorene Drache“ I Mi 9.11., 19.30 Uhr I Kammerspiele Bochum I 0234 33 33 55 55
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