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Grotesk: Zwei Menschentiere beim Kampf um die Dominanz über eine Parkbank,
Foto: Birgit Hupfeld

Die Eroberung der Parkbank

Wenn Menschentiere ihre Käfige verlassen. Arne Nobel inszeniert am Bochumer Rottstr-Theater die Zoo Story - Theater Ruhr 09/11

Über allen Wipfeln ist Ruh‘. Nur an der Bochumer Rottstraße ist das nicht so. Alle Theater sind leer, nur ein kleines wehrt sich (auch mit Zaubertrank) gegen die theatrale Sommerlethargie. Hier kauft sich der Zuschauer eine Karte und macht dafür eine Reise vom Rottstr.5-Theater mitten in den New Yorker Central Park. Dort gehen wirklich merkwürdige Dinge vor.

Eine rollende Stellage, behängt mit sinnigen und unsinnigen Requisiten, mit aufgespießter Ananas und Würstchen, Lampions und Tarnnetz, steht allein im Raum. Nach Richard Strauss´ „Also sprach Zarathustra“, tauchen zwangsläufig Bilder aus dem Opus „2001 Odyssee im Weltall“ auf, wenn der Affe den Knochen als Keule entdeckt. Zwei spärlich bekleidete Männer betreten die Bühne, passend maskiert im Bild der Frühsteinzeit, sie bewegen sich in Zeitlupe, entdecken die Bühne choreografisch, de-evolutionieren wieder zu Affen und spielen dann erst mal ein assoziatives Tierspiel von A bis Z, von Anakonda bis Zebra, von Amselflosser bis Zwergpudelbiene. Dann wechseln sie ihr Outfit, der eine wird zum Verleger mit Büro in Manhattan, der andere zum Soldaten ohne Heimat: die beiden lernen sich an einer Parkbank kennen. Schon hier hat man eine Ahnung, welche Bedeutung Felix Lampert und Björn Geske mit ihrem überaus körperlich präsenten Spiel für Arne Nobels Inszenierung haben werden. Die Stellage wird gedreht, vier Kinostühle sind nun die Parkbank im Central-Park, über ihr flimmert unablässig ein Monitor mit Tierbildern aus der ganzen Welt. Die „Zoo Story“ von Edward Albee ist aber keine Komödie, auch wenn manche Situationskomik zum Lachen reizt. Hier prallt der Außenseiter Jerry auf die gesättigte amerikanische Mittelschicht in Person von Peter, die ihn erst reizvoll, interessant findet, aber dann doch die Bedrohung spürt, die von diesem rohen Stachel in der Gesellschaft ausgeht. Für diese Auseinandersetzung findet Nobel in der düsteren Katakombe nicht nur starke Assoziationen, sondern auch surreale Bilder.

Jerry war im Zoo, warum bleibt erst einmal undurchsichtig. Peter möchte an diesem Sonntagabend ein wenig ausspannen. Doch Jerry lässt ihn nicht, er will erzählen warum und wieso, der Mittelständler bleibt höflich, distanziert, der Outsider wird aggressiv, findet aber immer wieder in den Normalzustand zurück, nachdem Peter einlenkt. Die beiden umkreisen sich wie Tiere verschiedener Gattungen, der eine isst rohes Fleisch, der andere Feines aus der Dose. Absurditäten verbinden, andere stoßen ab. Die Figuren sind auf konzentrischen Kreisen um die Gesellschaft, die irgendwie einen Fehler hat  wie der Zoo im Central Park, über dessen Besuch Peter am Abend im Fernsehen etwas erfahren soll, aber nicht weiß was, dennoch, seine Neugier ist geweckt. Man vergleicht die Privatleben bis ins intimste Detail, analysiert die Familienverhältnisse, schon hier muss der Zuschauer das Gefühl bekommen, das diese Geschichte ungewöhnlich enden wird. Björn Geseke faucht, Björn Geseke säuselt, obwohl er sich auch von der Person Peters angezogen fühlt, fühlt er die Barriere, die ihn vom Verleger trennt. Auch mit roher Gewalt gegen Sachen ist die einfach nicht zu überwinden. Dafür erhält er seinen berühmten ekligen Monolog, die „Geschichte von Jerry und dem Hund“. Kein Wunder, eigentlich ist er es auch, der die gesamte Handlung verbal dominiert, ohne dass in der Rottstraßen-Inszenierung Felix Lambert zu kurz kommt. Dieses Ungleichgewicht war auch ein Grund für Albee, fünfzig Jahre nach der Uraufführung 1959 im Berliner Schillertheater einen Akt „Homelife“ hinzuzufügen, beziehungsweise voranzustellen. Eigentlich müssen seitdem immer beide Akte gespielt werden. Aber da ist eben noch eine Frauenrolle dabei.

Die Situation im Central Park eskaliert, als beide Männer die Parkbank für sich reklamieren. Arne Nobel baut hier eine schulmeisterliche Fechtszene ein, die beiden kämpfen wie Macduff gegen Macbeth, am Ende entscheidet ein eher unscheinbares Messer den Kampf zu Gunsten des eigentlich nur vermeintlich Guten. Jerry, der so einsam ist, dass er nicht einmal mehr mit Tieren kommunizieren kann, erzählt verblutend: Er sei in den Zoo gegangen, weil er mehr darüber erfahren wollte, wie Menschen mit Tieren leben, wie Tiere unter sich leben und Tiere mit Menschen. Doch jeder sei eben von jedem durch Käfigstangen getrennt. Was er getan hat, kann man sich nun denken. Eigentlich unverständlich, dass dieses Stück nur selten gespielt wird.

„Zoo Story“ von Edward Albee I R: Arne Nobel I Rottstr5-Theater Bochum
Do 15. 9., So 18.9., je 19.30 Uhr I 0163 761 50 71

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PETER ORTMANN

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