Die Krisenzeiten, in denen deutsche Urlauber aus Sparsamkeit heimische Regionen (wieder-)entdeckten, sind einstweilen vorbei. Geblieben ist dennoch die Lust auf Allgäu und Ostsee, Mecklenburger See − und das Ruhrgebiet. Vor allem, wenn man zur Ferienzeit auch mal die neumodische Elektromobilität ausprobieren kann. Zwischen Sauerland und Rhein hinkt man der Entwicklung allerdings noch ein wenig hinterher.
Tatzeit: ein verlängertes Wochenende im Frühsommer. Tatort: Ruhrtal-Radweg. Die Mitarbeiter der Wittener Beschäftigungsgesellschaft „Wabe“ haben die beiden gemieteten Elektro-Fahrräder pünktlich zum Bahnhof Arnsberg gebracht. Eine kurze Einweisung ins Handling und die Ladeprozedur, Sattel und Lenker optimal eingestellt − es kann losgehen.
Arnsberg besitzt in gewissen Revier-Kreisen einen gefürchteten Ruf, der damit zusammenhängen dürfte, dass der Regierungspräsident von hier aus schon mal einem Stadtkämmerer den Schuldenhaushalt zerschlägt. Der Anblick des klassizistischen Viertels entschädigt aber für vieles. Hier ein Klösterchen mit Kunst im Innenhof, dort ein nettes Design-Hotel. Man könnte sich länger aufhalten, kratzte nicht der eigentliche Plan, nämlich die Ruhr-Flusslandschaft zu entdecken, wie ein ungeduldiger Hund an der Tür. Immerhin: beim beträchtlichen Auf und Ab in der Bezirkshauptstadt liefern die Akkus einen ersten Beleg ihrer Tüchtigkeit.
In etlichen deutschen Urlaubsregionen hat seit 2009 die E-Mobilität Einzug gehalten. Mit dem Anspruch „möglichst autofrei“ war der schwäbische Kurort Bad Wörishofen noch gescheitert. Nun heißt es „möglichst emissionsfrei“: An Hotels und bei der Kurverwaltung kann man sich Elektro-Autos mieten, deren Batterie durchaus für den 60-Kilometer-Trip zum Touristenmagnet Neuschwanstein (und zurück) ausreicht. Die örtlichen Stadtwerke förderten die Anschaffung von 100 Elektro-Fahrrädern. Ähnliches geschah an der Lahn, einer klassischen Radurlaub-Region, die jährlich 300.000 Touristen zählt. „Am Fluss entlang führt der Weg ja über eine halbwegs flache Strecke“, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Jörg Korschinsky, „aber hier in Weilburg muss man von 120 Metern Geländeniveau auf 360 Meter rauf. Das hat früher viele vom Besuch abgehalten.“ Inzwischen findet auch die einzige Tonkrieger-Ausstellung außerhalb von China trotz heftiger Berg-Etappe verstärkten Zulauf: Pedelec macht es möglich.
Auf dem Ruhrtal-Radweg hilft das komfortable Bike mit Akku-Rückenwind vor allem auf der Flussaufwärts-Variante von Duisburg nach Winterberg. Zusatzplus auch in umgekehrter Richtung: eine größere Tagesreichweite, die einer Menge touristischer Ziele neue Attraktionen verschaffen würde: Bochums Bergbaumuseum oder Essens Weltkulturerbe „Zollverein“ liegen gar nicht so weit von der Route entfernt. Allerdings haben die Jahrmillionen auf dem Weg dorthin teilweise ansehnliche Steigungen wachsen lassen.
Wo ist nun das Pedelec-Verleihsystem, das mit starken Beständen, dichtem Stations-Netzwerk und funktionierendem Service die bisherige Zahl von 100.000 Ruhrtal-Radtouristen auf mittlere Sicht verdoppelt? Es ist schlicht nicht vorhanden. „Revierrad“, der größte Anbieter mit 27 Stationen und 500 Leihrädern, kommt momentan auf 20 bis 30 Pedelecs. Auch andere Pläne einen städteübergreifenden Anbieter einzubinden, verliefen bisher wenig erfolgreich. Das habe unterschiedliche Gründe, erklärt Christoph Lottritz, Sprecher der Ruhr-Tourismus GmbH:
So fehlte den personalfreien öffentlichen „Metropolrad“-Stationen durchgängig die Ladeeinrichtung. Eine Nachrüstung käme teuer − vor allem, weil sichergestellt sein müsste, dass der Benutzer jederzeit ein tatsächlich „aufgeladenes“ Rad bekäme. „Andererseits hat man auf den Streckentouren lange überlegt, wie und wo unterwegs Akkuwechsel-Stationen organisiert werden können. Weil die Nachfrage zunächst gering blieb, war in diesem Prozess insgesamt wenig Bewegung.“ Inzwischen haben Pedelec-Reisende oft das Ladegerät mit im Gepäck, gute Akkus reichen für 80 bis 100 Kilometer Fahrstrecke. Bliebe noch die mangelnde Zusammenarbeit der relevanten Kommunen. Zwar gebe es eine jährliche Konferenz der Ruhr-Anlieger, doch die sei eher ein „Marketing-Treff“. Hoteliers oder Rad-Verleiher seien dort nicht präsent.
So ist es vorerst Einzelkämpfern vorbehalten, übergreifende Angebote zu organisieren. Der Radhändler Hermann Hegener hält in Meschede für 25 Euro Tagesmiete inzwischen 140 Pedelecs bereit (und nur noch 40 konventionelle Fahrräder). Diese sind im ganzen Sauerland im Einsatz − „gerade erst wieder 34 im Paket für ein Tagungs-Begleitprogramm in Winterberg“. Aber auch auf der Ruhr-Strecke. Gegen Entgelt holt Hegener sie sogar aus Duisburg ab. Die Wittener „Wabe“ und die Radstation „Oveney“ am Kemnader See verfügen nun dank Unterstützung der Bochumer Stadtwerke über Pedelecs, die gebracht und rückgeführt werden können.
Elektro-Fahrräder muss man übrigens als doppelte Wirtschaftsförderungs-Komponente sehen: Beim letzten Ruhrtal-Fest, wo man per Pedelec anständige Schnupper-Runden drehen konnte, „kamen die Leute mit einem Grinsen im Gesicht wieder zurück“, berichtet Christoph Lottritz. „Sie hatten gemerkt, dass dies auch ein Fahrrad für den Alltag und den Weg ins Büro ist.“

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