trailer: Frau Vossebein, RUHR.2010 propagiert den Weg weg von der Zeche, hin zur Kultur. Können Sie darüber schmunzeln?
Kornelia Vossebein: Die Zeche Carl verstehe ich als den Prototyp des Strukturwandels. Die Gebäude wurden bereits in den Siebziger Jahren für die Kultur genutzt. Carl war also Vorreiter. Durch das Kulturhauptstadtjahr wird diese Entwicklung natürlich weiter angeschoben.
Wie schiebt ganz konkret RUHR.2010 die Zeche Carl an?
Nun, wir verwirklichen einige spannende Projekte innerhalb des Kulturhauptstadtjahres wie Schacht- Zeichen, die Ausstellung Hidden Places, die UrSpuk-Parade oder das Grubenklang Reloaded Orchester. Hier sind Zusammenarbeiten mit interessanten Partnern möglich, die es sonst vielleicht nicht gäbe, und hier erschließen sich neue Zielgruppen und neue Aufmerksamkeiten für uns.
Sind Sie ansonsten zufrieden mit dem Jahr?
Durch den Neuanfang der Zeche Carl bin ich hier so weit eingebunden, dass ich RUHR.2010 leider nur am Rande mitbekomme. Die Eröffnung im Januar auf Zollverein fand ich extrem interessant, bunt und viel besser als erwartet. Abgesehen von den Highlights gab es viele kleine Aktionen zu bestaunen.
Manchmal ist der Vorwurf zu hören, dass das Große inszeniert wird und das Kleine untergeht.
Diese Kritik teile ich. Große Namen und Institutionen sind involviert, die sogenannte freie Szene ist oft ausgeklammert oder nur am Rande beteiligt.
Weil?
Da kann ich nur mutmaßen, und das möchte ich nicht. Aber ergänzend zur vorigen Antwort: Die SchachtZeichen haben es allerdings erreicht, dass Kulturhauptstadt erstmals für alle spürbar und mitgestaltbar war. Hier auf Carl und an anderen Standorten gab es Tausende kleinerer kultureller Aktionen mit großem ehrenamtlichem Engagement. Plötzlich waren Zechenindustrie und Strukturwandel sichtbar und kommunizierbar.
Wie wird das Ruhrgebiet kulturell im Jahr 2011 aussehen?
Wir gehen davon aus, dass es in 2011 sehr viel schwieriger wird für jegliche kulturellen Angebote. Vielleicht stellt sich zunächst ein gewisser Ermüdungseffekt ein. Aber auch die finanzielle Lage wird sich verschlechtern. Viele Kulturschaffende überlegen sich, was sie jetzt tun können, um in der Zeit nach RUHR.2010 weiterarbeiten zu können.
Was können Sie tun?
Wir wollen ein nachhaltiges, in der Region gut verwurzeltes und refinanziertes Programm auf die Beine stellen. Wir streben eine Vernetzung mit den Partnern vor Ort an, denn eine zukunftsorientierte kulturelle Entwicklung funktioniert nur in Kooperation. Wir streben mehrere Runde Tische an. Wichtig sind die Fragen: Wo gibt es Synergieeffekte? Wo müssen wir Lobbyarbeit aufbauen? Welche Töpfe kann man zur Finanzierung gemeinsamer Projekte auftun?
Hat hier die Kulturhauptstadt Strukturen geschaffen?
Ja, durchaus. Es wurden von den Kulturhauptstadtorganisatoren verschiedene Commissions gegründet, die auch nach 2010 weiter bestehen sollen. Davon abgesehen werden sicher einige der in 2010 aufgebauten neuen Kontakte und Zusammenarbeiten weitergeführt, lokal wie regional. Aber auch ganz unabhängig von RUHR.2010 haben sich Runde Tische und Netzwerke gegründet.
Hat die Zeche Carl Wünsche an die Politik?
Wir brauchen kluge Maßnahmen, die die kulturelle Infrastruktur nicht gefährden. Die Politik muss aufpassen, dass sie, wenn sie sparen muss, und das muss sie ja, Institutionen nicht kaputtspart. Denn jede Einrichtung, die schließen muss, ist unwiederbringlich weg und kann nicht wieder öffnen, wenn es finanziell wieder besser geht. Die wichtige Frage ist: Wo kann gespart werden, ohne dass Bestehendes zerstört wird? Vielleicht kann auf eine dritte Garderobenfrau verzichtet werden. Aber es kann nicht auf einen Kurator verzichtet werden.
Die Zeche Carl hat eine lange Geschichte. Welche Entwicklung hat das Kulturzentrum gemacht?
Eine drastische Veränderung gab es durch die Insolvenz des damaligen Trägervereins 2008. Strukturell ist die Zeche Carl durch die gemeinnützige GmbH nun auf ganz andere, zukunftssicherere Füße gestellt. Inhaltliche Veränderungen gab es immer. Die Bedarfe hier im Stadtteil ändern sich. Im Moment erlebe ich, dass es einen großen Bedarf für Angebote für Menschen mit Migrationshintergrund gibt. Es entstehen auch immer mehr Angebote für Senioren hier im Viertel. Bezüglich der kulturellen Veranstaltungen decken wir inzwischen eine größere Bandbreite ab. Es geht ein bisschen zurück zu den Anfängen der Zeche Carl. Damals war die Spartenvielfalt meinem Eindruck nach höher als in den letzten Jahren. Wir versuchen, Weltmusik, Jazz, ambitionierten Rock und Pop wieder zu etablieren. Natürlich werden wir auch weiterhin die großen Metal- und Gothic-Feten, für die die Zeche Carl in den vergangenen Jahren stand, anbieten. Insgesamt ist das Programm bunter geworden.
Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Intern nennen wir unseren Wunsch „Zeche Carl lebt wieder“. Ich wünsche mir, dass die Zahl der Veranstaltungen und der Nutzer weiter steigt. Inzwischen ist hier wieder Leben im Haus, und ich wünsche mir, dass das so bleibt. Die Zeche Carl soll ein lebendiger Ort für Kultur, Kommunikation, gern auch kontroverse Diskussion sein. Wir wollen Menschen Räume anbieten, damit sie sich kreativ ausprobieren können.
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