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Foto links: Lindenbaum/pixelio.de, Foto rechts: Markus Jürgens/pixelio.de

Der Fleck muss weg

Reinigung als performative Aktion – Magenbitter 12/11

Sauberkeit ist eine Zier. Ein Hoch auf die Dortmunder Putzfrau. Sie demontierte den 800.000 Euro teuren Kalkfleck in einer Martin Kippenberger-Installation und setzte dem leider viel zu früh verstorbenen zynischen Kritiker des sogenannten Kunstbetriebs ein posthumes Denkmal. In Zukunft wird sein Name immer fallen, wenn über eine zufällige, aber eben unwiederbringliche Veränderung eines musealen Kunstwerks berichtet wird. Fiel an einem Biertisch beispielsweise das Wort Fettecke, so fingen die Halsschlagadern an zu pulsieren und der Zwang zu einer Schnapsrunde wurde unwiderstehlich. Auch diese „Kunst“ wurde ja bereits in den 1980ern fachfräulich entfernt, danach possenhaft juristisch seziert und anschließend kunsthistorisch sehr wichtig aufgearbeitet. Jetzt kommt der Begriff Kalkfleck dazu. In der kleinen Kneipe in irgendeiner Straße, da wo das Leben noch lebenswert ist, rotten sich die Lager zusammen. Auf der einen Seite die Kunstkenner, die immer schon gewusst haben, das Kunst kacke ist, auf der anderen die Fraktion der Höhnischen, die zwar wissen, das auch Kacke Kunst ist und mal in Dosen verpackt wurde, die aber jeden Verlust von Zeitgenössischem als Beweis für die Fiktion von Kunst als Kapital begreifen. Einigkeit wird da nur bei der Reihenfolge der alkoholischen Substanzen erreicht, die auch vernichtet, verputzt werden wollen.

Was hat also die engagierte Reinigungskraft getan? Genau da, was von ihr verlangt wurde? Genau das, was das heilige Subunternehmertum erwartete? Perfekte Sauberkeit für wenig Lohn? Wer haftet nun? Wer zahlt dem Investor in steigende Kippenberger-Aktien den Verlust? Ist das Kunstwerk zerstört oder nur der Wert gemindert? Könnte man nicht einfach etwas Kalkwasser im Bottich eintrocknen lassen? Merkt das einer? Oder verändert sich dann das, was der Künstler uns sagen wollte, was passiert: „Wenn's anfängt durch die Decke zu tropfen“?

Diese Fragen können in Dortmund nicht beantwortet werden. Die Stadt hat eben keine vorbildlichen Konzepte zur kulturellen Bildung. Im Pott wurden gerade nur Herne, Mülheim an der Ruhr, Oberhausen und Schwerte beim Landeswettbewerb „Kommunale Gesamtkonzepte für kulturelle Bildung“ ausgezeichnet. Also bleibt doch nur Borussia? Nein. Über der Stadt schwebt der Geist des U, flimmern die Bilder von Altmeister Winkelmann. Eine Stadt auf der visuellen Reise. Immerhin geht es auch um einen Sohn der Kommune. Da ist jetzt diese unbekannte Dortmunder Avantgarde-Aktionistin. Was würde ich dafür geben, diese geniale Performance miterlebt zu haben. Eine Wischaktion allerhöchster Qualität, bei der ein Fanal der deutschen Mentalität Oberhand gewinnt über die destruktiven Züge seiner Kritiker. Der Trog ist sauber, möchte man ausrufen und jubelnd anschließend vom Boden speisen. Denn porentiefe Reinheit gilt immer noch als höchstes Gut. Anerkennendes Augenzwinkern von Meister Proper macht eben mehr her als die Kunst, einem toten Hasen Bilder zu erklären.

Peter Ortmann

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