trailer: Herr Seifert, machen Sie auch Nichtstudierenden Kulturangebote?
Ulrich Seifert: Bei Bochum Total, beim Zeltfestival Ruhr und bei vielen anderen Veranstaltungen in Bochum präsentieren wir studentische Kulturaktive einer breiten Öffentlichkeit. Seit Beginn unserer Arbeit vor 25 Jahren verfolgen wir das Ziel, Kultur nicht nur auf dem Campus anzubieten, sondern in die Stadt zu tragen. Unser Jazzfest ist für alle offen. Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage haben wir eine israelische Theatergruppe präsentiert. Im Publikum waren viele Bürger aus der ganzen Region vertreten. Es gibt den Verein „University meets Querenburg“ UmQ, der die Barriere zwischen Stadtteil und Campus abbauen möchte, der Verbindungen schafft zu den Bürgern auch mit sogenannter Einwanderungsvorerfahrung. Die große Brücke über die Universitätsstraße ist inzwischen keine Zugbrücke mehr, die bei Bedarf hochgeklappt werden kann. Die Bevölkerung nimmt den Campus wahr.
Nimmt der Campus auch die Bevölkerung wahr?
Durchaus. Die Studierenden heute suchen den Weg in die Stadt. Bei unserem Theaterfestival Megaphon wird an obskuren Orten gespielt. Das ist nicht mehr nur das Parkdeck 7 an der Ruhruni, sondern auch der Kemnader Stausee, die Innenstadt, auch mal eine Straßenbahn.
Ist der Student überhaupt an Kultur interessiert, oder absolviert er nur seinen verschulten Tag, um dann schnell wieder nach Hause zu fahren?
Einen gewissen Einbruch an Interesse verzeichneten wir in Folge der Studienstrukturreform mit Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge. Die Studierenden müssen ihre Anwesenheit in Seminaren überprüfen lassen, die Arbeitsanforderungen sind stark angewachsen. Studierende haben bis zu 36 Wochenstunden Vorlesungen und Seminare. Dazu kommen Hausarbeiten, Prüfungsvorbereitungen und Aushilfsjobs, um Geld zu verdienen. Gerade zu der Zeit, als noch Studiengebühren erhoben wurden, war die Belastung enorm. Aber es gibt immer Studierende, die sich trotz dieser Widrigkeiten kulturell engagieren. Sicher sind Hochschulen heutzutage eher Ausbildungsinstitutionen. Aber sie haben doch auch einen Bildungsauftrag.
Was ist der Unterschied zwischen Ausbildung und Bildung?
Früher haben wir von der „Lernfabrik“ gesprochen. Wie die Azubis bei Opel zur Schicht kommen und nach Feierabend wieder nach Hause fahren, so verhält es sich schlimmstenfalls auch bei den Pendlerunis. Die Studierenden kommen, pauken und fahren wieder weg. Dieses Denken muss eine Hochschule durchbrechen, sie muss ganzheitliche Bildung anbieten. Gerade in der letzten Adoleszenzphase sind Menschen in der Lage, fachübergreifende Interessen und neue Ideen zu entwickeln.
Was für einen Nutzen hat das?
Ein Beispiel: Wir haben jahrelang deutsch-türkische Theatertage organisiert. Der Promoter der Veranstaltung studierte Bauingenieurswesen. Inzwischen baut dieser Mann VW-Fabrikationsstätten in Russland. Er sagte mir eines Tages, dass es eigentlich egal sei, ob er ein Tanztheaterfestival organisiert oder eine Produktionshalle baut. Die einzelnen Stufen der Projektrealisierung seien dieselben. So haben viele Menschen außerhalb ihres eigentlichen Studiums durch kulturelle Projekte ganz viel gelernt. Der Nobelpreisträger Gerd Binnig prägte den Begriff des „Kreativitätsmuskels“. Dieser muss trainiert werden.
Die Studiengebühren sind, Kraft sei Dank, Geschichte. Profitiert das kulturelle Leben an den Hochschulen von dem Wegfall der Gebühren?
Die Studierenden haben nun wieder etwas mehr Spielraum und Zeit. 1.000 Euro Studiengebühren mussten von vielen ja erst einmal erarbeitet werden. Zunehmend begreifen die Leute wieder, dass das Pauken nicht alles im Leben ist.
Es gibt Marburg, Münster, Heidelberg, Tübingen. Ist Bochum eigentlich eine Universitätsstadt?
Mit solchen Städten wollen wir gar nicht konkurrieren. Als ich hier 1969 ankam, gab es einen einzigen Jazzclub. Da ging man hin. Schauen Sie doch jetzt einmal, was im Bermuda-Dreieck passiert. Wir haben etwa 250.000 Studierende im ganzen Ruhrgebiet. Die flitzen hin und her. Die in Bochum Studierenden, die aus Oberhausen kommen, nehmen die Leute aus Unna mit, wenn sie zum Dellplatz nach Duisburg fahren. Und die Leute aus Unna nehmen diejenigen aus Oberhausen mit, wenn sie zum Dortmunder U fahren. Die Studierenden tragen sehr dazu bei, dass das Kirchturmdenken im Ruhrgebiet weniger wird.
Sitzen Sie als Kulturanbieter noch im Kirchturm, oder kooperieren Sie mit anderen Unis?
Bislang sind die Kooperationsmöglichkeiten mit Essen, Duisburg oder Dortmund minimal.
Bräuchte es nicht statt boSKop RuhrSKop?
Wir strecken die Fühler aus. Gerade über die Bildungsinländer, also die Studierenden mit ausländischem Pass, die aber in Deutschland Abitur gemacht haben, ergibt sich eine breitere Zusammenarbeit. Bei einem chinesischen Frühlingsfest, das wir mit Partnern aus China organisierten, kamen Studierende aus Duisburg, Münster und Dortmund zusammen. Es entstand eine höchst kommunikative Atmosphäre. Also: So etwas wie RuhrSKop gibt es noch nicht, sollte es aber geben. Über die Universitätsallianz Metropole Ruhr erwarte ich mir diesbezüglich in den nächsten 10 bis 15 Jahren eine entsprechende Entwicklung.
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