Zugegeben, die ersten Sätze der Veranstaltungsbeschreibung der „ersten Wittener Kulturtage des Hochkonsums“ können, separiert betrachtet, durchaus verwirren. Dort heißt es: „Du findest Geiz geil? Willst mehr für weniger? Dann ist das hier was für dich“.
Ein von Eintrittsgeld befreites Festival aus Theater, Musik und Literatur mit Aufforderung zum unreflektierten Konsum? Eine Werbeveranstaltung für Multimediamärkte und Zuckerbrause? Die nächsten Zeilen wischen den LeserInnen dann aber unmissverständlich den Angstschweiß von der Stirn. Hier wird Konsum durch die sprichwörtliche Trinkschokolade gezogen. Vom 12.07. bis zum 14.07. haben die AkteurInnen des Festivals eine gemeinsame Aufgabe: Der Konsumgesellschaft und sich selbst einen Spiegel vorzuhalten. Immer kritisch, aber doch bitte nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern immer mit einer gewissen Leichtigkeit und einer Prise
Gerade Letzteres sollte mit dem von Kultmoderator Markim Pause präsentierten Open-Air Poetry Slam am ersten Tag des Festivals gewährleistet sein. WortakrobatInnen und DichterInnen begegnen mit eigenen Texten dem Für und Wider, dem Licht und Schatten unserer materiell verfärbten Gesellschaft. Dazwischen die bekanntlich nicht immer sarkasmusfreien Moderationen des Gastgebers. Am Ende des Wettstreits entscheidet das Publikum und verleiht den inoffiziellen Titel „beste KonsumkritikerIn“. Wortgewandt geht es auch bei der Sprechchor-Theaterperformance der „Konsumisten“ zu. Hier werden Produkte personifiziert, KonsumentInnen verdinglicht und der Zuschauer zum nachdenkenden Subjekt in einer verrückten Welt voller Waren.
Tanzbare Gesellschaftskritik
Mit einem hoffentlich reinen Gewissen wird das Publikum für eine Nacht entlassen, ehe es am 13.07. für den guten Zweck vor lauter Tanz zu schwitzen beginnt. Die Band Adama & Kids schafft das Kunststück, ihre kritische Sicht der Welt in gerechtigkeits- und freiheitsliebenden Sunshine Reggae zu verpacken. Als feste Größe auf Festivals wie dem Ruhr-Reggae Summer in Mülheim und dem Africa Festival in Dortmund zeigt die Band, dass Gesellschaftskritik auch in die Beine gehen kann. Danach übernimmt die Wittener Condit.or.ei die Bühne und sorgt nicht etwa mit Backwaren, sondern mit multilingualem, nicht immer ganz ironiefreiem Ska und Rocksteady für ein hoffentlich nachhaltiges Tanzspektakel.
Wer bis dahin angesichts solcher Wort- und Tanzgewalt immer noch nicht zur SystemkritikerIn avanciert ist, wird am 14.07. auf der Theaterbühne der Werk°Stadt mit noch derberen Tönen versorgt. „An’ne Couch in Annen - Am Rande des Kosumwahnsinns“, eine „Satire über die abgefuckte Jugend einer Kleinstadt im Ruhrgebiet“, zeichnet ein eher düster-zynisches Bild des Wittener Alltags, gerahmt von Bier, Ruhrpott und verantwortungslosem Konsum.
Nach zweieinhalb Tagen Hochkonsum ist es dann an der Zeit, andere für sich arbeiten zu lassen. Klar ist bis hierhin in jedem Fall: „ich konsumiere, also bin ich“, das Motto der Tour de Vinyl. Hier treten DJs selbst in die Pedale ihrer Trimmräder und treiben damit ihre zwischengeschalteten Turntables an. Eine audiovisuelle Hommage an die Experimentierfreude der analogen Klanggeschichte. Zum Abschluss des Festivals können die nimmermüden KonsumentInnen unter der versöhnenden Überschrift „ich tanze, also bin ich“ zu elektronischen Klängen in die Nacht feiern. Die ersten Wittener Kulturtage des Hochkonsums - ein anscheinend physisch wie kognitiv anspruchsvolles Wochenende.
Wittener Kulturtage des Hochkonsums | WERK°STADT Witten | 12.- 14.07. |
http://www.werk-stadt.com/ | http://treff-werkstadt.com/ | http://www.markimpause.de/
Tour de Vinyl:
http://vimeo.com/21931740

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