Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27

11.026 Beiträge zu
2.963 Filmen im Forum


„Can we talk about this?“
Foto: © Matt Nettheim

Dem Islam die Stirn bieten

Choreograph Lloyd Newson mit eminent politischer Produktion – Tanz in NRW 12/11

„Can we talk about this?“. Eine Frage, die wir sicher moderat mit der Entgegnung: „Ja, darüber können wir sprechen“ beantworten würden. Aber man kann diese Frage auch provokant verstehen. Lässt sich noch darüber debattieren, dass Frauen wegen Ehebruchs gesteinigt werden sollen? Dass Mädchen beschnitten werden? Dass Salman Rushdie getötet werden soll, weil sich Muslime von seiner Prosa gekränkt fühlen, oder Botschaften angezündet werden, weil in Dänemark eine Karikatur über den Propheten Mohammed veröffentlicht wird? Der australische Choreograph Lloyd Newson meint, hier hört das Verständnis auf. Hier geht es nicht mehr darum, sich in die religiös-ideologischen Befindlichkeiten der Muslime einzufühlen, sondern die Menschenrechte zu verteidigen, und vor allem darum, sie zu schützen.

Newson und seine Tanz-Kompanie DV8 lieferten mit ihrer Gastspielproduktion „Can we talk about this?“ im Schauspiel Köln eine buchstäblich atemberaubende Vorstellung. Unablässig wird geredet und zugleich getanzt. Besitzt das Wort üblicherweise in Tanzproduktionen den Status einer inszenatorischen Ungeschicklichkeit, präsentiert Newson eine eigene Rhetorik der Körpergesten. Während etwa von der liberalen Unschlüssigkeit berichtet wird, mit der man in Großbritannien islamische Erziehungspraktiken oder die Misshandlung von Frauen duldet, sieht man die Darsteller mit wackelnden Köpfen über die Bühne schreiten.

Jeder Satz wird im Rhythmus aufgenommen und findet tänzerischen Ausdruck. Üben sich die Tänzer in schlaksiger Lässigkeit, spricht man gerade über die moralische Indifferenz des Westens. Den Satz: „We can talk about this“ soll der niederländische Filmemacher Theo van Gogh zu seinem Mörder, einem muslimischen Fanatiker, gesagt haben, als der ihn mit einem Fleischermesser auf bestialische Weise traktierte. Newson lässt die Szene von einem Mann und einer Frau nachspielen. Der Redestrom ergießt sich während dessen ungehindert fort. Mitunter scheint Newson mit seinem innovativen Umgang von Wort und Tanz ein neues Medium zu kreieren.

Allerdings fließt der Fluss nur in eine Richtung. Die Gewaltakte und die zahlreichen Beispiele für die Intoleranz islamischer Traditionalisten und Ideologen gießt Newson wie ein scheinbar unerschöpfliches Füllhorn aus Hass und Menschenverachtung vor seinem Publikum aus. Und wenn das dann am Ende begeistert klatscht, fragt man sich für einen Moment, ob das nun Zustimmung für die Gesinnung des Australiers oder Begeisterung für seine künstlerische Arbeit ausdrücken soll. In jedem Fall bietet Lloyd Newson politisches Theater mit der Wucht eines Keulenschlags, unmissverständlich aber in seiner Ästhetik von einer einzigartigen Virtuosität. Von ihm kann man lernen, möglicherweise prägt der Australier mit seinen vokalen Stilelementen ja in Zukunft auch das Geschehen auf unseren Tanzbühnen.

„Can we talk about this?“ | Choreographie: Lloyd Newson | Fr. 2.12., 20 Uhr | Schauspiel Köln | www.schauspielkoeln.de

Thomas Linden

Tanz.

Wechselbad der Gefühle
Philippe Decouflé eröffnet Mai-Tanztage in Bonn

Hinter's Licht geführt
Der Rat der Stadt Köln streicht das großartige Gastspielprogramm zusammen - Tanz in NRW 05/12

Mit den Füßen lesen
Begeisternde Choreographie aus der Welt der Mangas - Tanz in NRW 05/12

Mit offenen Augen träumen
Peeping Tom zeigt nie gesehene Tanzbilder – Tanz in NRW 05/12

Am Tropf der Fördermittel
Der Mai, kein Wonnemonat für die Freie Tanzszene - Tanz in NRW 05/12

Etikettenschwindel
Misslungene Reminiszenz an Merce Cunningham - Tanz in NRW 04/12

Mampfende Kühe
Barbara Fuchs präsentiert Tanzstück für junge Theaterbesucher – Tanz in NRW 04/12

Fein gefaltet: Tanz im Museum
Zusammenkunft von Ost und West – Tanz in NRW 04/12

Magische Apokalypse
Tänzerische Virtuosität in Düsseldorf – Tanz in NRW 04/12

Emotion mit Kandare
Das Nederlands Dans Theater in der Kölner Oper – Tanz in NRW 04/12

Kaputtlachen
Wie der Terror der Lacher Inszenierungen zerstört - Tanz in NRW 04/12

Tanze die Musik
Aus den Hinterhöfen des Lebens - Tanz in NRW 03/12

Thermometer der Generationen
Silke Z. zeigt zwei Folgen über Teenager in ihrem Tanz-Generationenprojekt – Tanz in NRW 03/12

Köstlicher Schmalz und matte Gefühlsgymnastik
Das Michael Douglas Kollektiv mit interessanter Doppelproduktion – Tanz in NRW 03/12

Geheimnis im Silberwald
Starke Tanz-Performance von Yoshie Shibahara in der Kölner Orangerie – Tanz in NRW 02/12

Die Macht der Zahlen
NRW-Choreografenbericht: Eine Erfolgsbilanz für den Tanz - Tanz in NRW 03/12

Am Anfang war die Schande
Ein wuchtiges Kunstwerk zeigt Wim Vandekeybus mit „Ödipus/Bet Noir“ - Tanz in NRW 02/12

Reif und lustvoll
Tanzkompanie „Dossier 3-D-Poetry“, eine Bereicherung für Köln – Tanz in NRW 01/12

Auf halber Strecke aufgeben
Der vielversprechende tanz.tausch zwischen NRW und Berlin stockt – Tanz in NRW 02/12

Verkümmerte Möglichkeiten
Politik mit dem Körper – Tanz in NRW 01/12

Virtuose Präsenz
Unter Martin Schläpfer wird Düsseldorf zum Mekka des neoklassischen Ballett - Tanz in NRW 12/11

Vergnügliches Zwischenspiel
Die Performance „Brother Brother“ im Rahmen von Globalize:Cologne – Tanz in NRW 11/11

Kälteschock
Die Ensembleproduktion „Unter Null“ bei Barnes Crossing in der Wachsfabrik Köln – Tanz in NRW 11/11

Von einer Eisscholle zur nächsten
Konflikt um den Tanz neu entfacht – Tanz in NRW 12/11

Gib ihm eins auf die Nase
Yui Kawaguchis Choreographie „Bubble Boxing“ im Rahmen von Globalize:Cologne – Tanz in NRW 11/11

Tanz als Geisel der Musik
Hofesh Shechter mit „Political Mother“ am Kölner Schauspiel – Tanz in NRW 11/11

Zeitmikroskop