Es weltmeistert wieder. In den Massenmedien ist Schwarz-Rot-Gold zu sehen. Dazu grünes Gras und runder Ball. Aber anders als vor fünf Jahren, als mit der FIFA-WM im eigenen Land ein so genanntes Sommermärchen inszeniert wurde und die Nation einem gutmütigen Nationalismus erlag, wird die Frauen-WM etwas unaufdringlicher zelebriert. Die Sparkasse verkauft einen Sparbrief, dessen Zinsertrag bei jedem deutschen Tor um sagenhafte 0,01 Prozent steigt. Die Firma Mattell verdient zurzeit ihr Geld mit einer deutschen WM-Barbie, mit schwarz-weißem Trikot und blondem Schopf, der von einem nationalfarbenen Bändchen gehalten wird. Exklusiv stellte die Firma außerdem bei der Nürnberger Spielzeugmesse zwei Unikate vor. Trainerin Silvia Neid und dreifache Weltfußballerin Birgit Prinz sehen als Imitate ziemlich echt aus. Nur die streichholzdünnen Barbie-Beine wirken etwas deplatziert. Sogar die katholische Kirche ist mit der gleichnamigen Webseite kirche-am-ball.de am Leder. Die frohe Botschaft, dass uns ein sportliches Großereignis in diesen Tagen geboren wird, soll auch von Seiten des Klerus unters Volk gebracht werden – Fahnen schwenkende Nonnen und eine Video-Botschaft von Erzbischof Robert Zollitsch inklusive.
Die Firma Mattell verdient zurzeit ihr Geld mit einer deutschen WM-Barbie
Trotz all dieser Bemühungen will der Funke nicht so recht überspringen. Während bei der Herren-WM 2006 Karten nach wenigen Stunden restlos ausverkauft waren und horrende Schwarzmarktpreise erzielt wurden, drohen bei der Frauen-WM zumindest bei den Spielen ohne deutsche Beteiligung leere Ränge. Dabei werden nur kleinere Stadien befüllt. Der Rasen auf Schalke und in Dortmund darf sich im Sommer regenerieren. Im Ruhrgebiet, in der Herzkammer des deutschen Fußballs, kann der geneigte Fan nur im schmucken rewirpower-Stadion zu Bochum manche WM-Spiele live sehen. Ansonsten wird in NRW noch in Mönchengladbach und in Leverkusen gespielt.
Dass der Frauenfußball die Menschen nicht so irre macht wie der Männerfußball, ist mitunter historisch bedingt. Zunächst einmal: während die Jahreszahlen in den Namen der Herrenclubs auf das 19. und 20. Jahrhundert verweisen, erblickten die meisten Frauenfußballvereine erst in den vergangenen 40 Jahren das Licht der Welt. Über Jahrzehnte hinweg war es keine Selbstverständlichkeit, dass Frauen Fußball spielten, genauer gesagt, Fußball spielen durften. Zwar ist schon von Fußballspielen im Frankreich des 12. Jahrhunderts zu lesen, an denen auch Frauen teilnahmen, aber als sich im 19. Jahrhundert der Sport in seiner jetzigen Form etablierte, bildeten sich fast überall in Europa von Männern dominierte Vereinsstrukturen. Erst während des Ersten Weltkriegs durften Frauen in England und Frankreich wieder auf den Platz um Männer zu ersetzen. 1920 lockte auf der britischen Insel das Spitzenspiel Dick Kerr's Ladys gegen St. Helens Ladys über 53.000 Zuschauer an. Aber wenig später übernahmen wieder die wilden Kerle, zumindest die, die mit zwei gesunden Beinen den Schützengräben entkamen, das Regiment. Während der Nazi-Zeit war Fußball für Frauen in Deutschland gänzlich verboten. Mediziner sekundierten die Entscheidung der Machthaber mit Theorien, wonach Fußball für Physis und Psyche des weiblichen Organismus abträglich sei. Die gleichen Argumente von nahezu den gleichen Medizinern mussten sich die Frauen anhören, als 1955 der Frauenfußball vom DFB verboten wurde. Erst 1970 wurde dieses Verbot wieder aufgehoben. Wenig später begann eine einmalige Erfolgsgeschichte. Bei den bislang fünf veranstalteten Weltmeisterschaften siegte zwei Mal die deutsche Elf. Seit 1993 ist Deutschland ununterbrochen Frauenfußballeuropameister. Von solchen Ergebnissen können die männlichen Kollegen auf dem Rasen nur träumen.
Seit 1993 ist Deutschland ununterbrochen Frauenfußballeuropameister
Von dem Ruhm, dem Publikumszuspruch und auch von den Spielergehältern der Männer können zurzeit wiederum die Fußballfrauen träumen. Vielleicht fehlt dem Frauenfußball die nötige martialische Note, um beim Massenpublikum und damit auch bei den Werbepartnern punkten zu können. Harte Tacklings, enormer Körpereinsatz und die Blutgrätsche als Revanchefoul müssen anscheinend dazu gehören – und dies verbindet man zwangsläufig mit Männersport.
In einem anderen Bereich allerdings haben die Frauen schon mächtig aufgeholt. Der Boulevard interessiert sich im Vorfeld der WM zunehmend um die Schmuddelgeschichten rund um den Kader. Die Bildzeitung enthüllte im Juni eine Dreiecksbeziehung der besonderen Art „Fünf Jahre lang liebten sich die beiden Nationalspielerinnen Inka Grings und Linda Bresonik. Im März 2005 kam Ex-Profi und Bundesliga-Trainer Holger Fach …“ Durch die WM entsteht die Gefahr, dass Frauenfußball zur Daily Soap verkommt. Dies mag der Preis für die gewollte Kommerzialisierung sein. Vielleicht ist erst dann die Gleichberechtigung zwischen Kickerinnen und Kickern hergestellt, wenn Spiele in Zentralasien wegen den Werbepartnern in Europa erst um 23.00 Uhr angepfiffen werden, wenn massenhaft Schiedsrichterinnen von der kroatischen Wettmafia bestochen werden und die nächste Frauen-WM nur einem Land anvertraut wird, das massiv in die Mitglieder des FIFA-Exekutivkomitees investiert. Bis dahin aber bleibt Frauenfußball die schönste Nebensache der Welt.
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