Wenn sich drei europäische Hochschulen für Tanz zusammen tun, um mit zwei Choreografen, zwei Komponisten, einem Ensemble für Neue Musik und 55 jungen Tänzern ein interdisziplinäres Projekt zu realisieren, dann ist das für alle Beteiligten eine organisatorisch-logistische wie künstlerische Herausforderung.
Entsprechend nennt sich das Projekt „Crossover/55/2“ und sein zentraler Aspekt, so heißt es von den Initiatoren, soll vor allem das Zusammenwirken von Tanz und Musik sein. Und so kann man dieses interdisziplinäre Projekt durchaus auch einen Wettstreit der Disziplinen nennen. Bis Ende Juni 2012 tourt das Projekt mit seinen Vorstellungen noch durch die beteiligten Länder Spanien, Deutschland und Holland. Für Deutschland ist das Zentrum für Zeitgenössischen Tanz der Hochschule für Musik und Tanz Köln daran beteiligt. Damit ist dieses Crossover von Musik und Tanz, dieser internationale Mix von deutschen und spanisch/holländischen Tanzeinrichtungen für die Kölner Einrichtung auch eine einmalige Chance, ihrem Namen „Hochschule für Musik und Tanz“ gerecht zu werden.
Arg ist bei diesem künstlerischen Wettstreit gerungen worden. Und mehr als einmal stellte man sich als Zuschauer die Frage, wer folgt hier wem? Gibt die Musik den Bewegungskanon vor? Kann der Tanz noch seine eigenen Wege gehen? Tatsächlich sind die musikalischen Strukturen in den Kompositionen von Christiaan Richter und Benjamin Scheuer sehr zwingend. Das liegt nicht zuletzt an den oft harten, dissonanten Phrasen (vor allem der Blechbläser des Ensemble De Ereprijs), die im Ohr des ungeübten Hörers Neuer Musik so gar nicht harmonisch klingen wollen und für Tanz so gar nicht geeignet scheinen. Umso erstaunlicher, wie souverän die Choreografen bei der tänzerischen Umsetzung vorgegangen sind. Weder der spanische Choreograf Iván Pérez in seinem Stück „Pineapple“, noch der in Köln wegen seiner Zusammenarbeit mit dem MichaelDouglasKollektiv bestens bekannte Österreicher Georg Reischl in seinem Stück „Ex nihilo“ beugen sich dem Diktat der Musik. In Ihren Choreografien begreifen sie die Musik zwar oft als Impulsgeber für den Tanz. Dann schießen beim Einsatz der Instrumente die Arme in die Höhe, rucken die Köpfe oder fallen alle zu Boden. Pérez´ und Reischls Choreografien lassen aber auch viel Raum für die eigenen Wege des Tanzes. Sie machen sich die Struktur der Kompositionen zueigen, lassen ihre Formationen sich zwar im Einklang damit entwickeln, aber stellen sich dann wieder mit Soli und Duos dagegen. Bewegungen werden von Gruppe zu Gruppe weitergegeben oder in Zirkeln an den Ausgangspunkt zurück geführt. Vor allem in „Ex nihilo“ (Aus dem Nichts) erhalten die jungen Tänzerinnen und Tänzer nach sichtbar geführten choreografischen Momenten auch die Möglichkeit einer kurzen freien Improvisation. Für die jeweils fünfundzwanzig Tänzerinnen und Tänzer, denen man nicht ansieht, welche Nationalitäten hier auf der Bühne versammelt sind, ist diese Inszenierung eine großartige Bühnenerfahrung. So ist der Abend auch ein Lehrstück über die Universalität des Tanzes und der Musik.
Letzte Vorstellung in Köln: 20. Juni, 20 Uhr, Konzertsaal der Hochschule für Musik und Tanz. Weitere Vorstellungen in Holland.

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