Es war eine kleine Randnotiz im großen Wirbel um das Bahnhofprojekt „Stuttgart 21“: Eine Gruppe von Künstlern, die jahrelang in alten Eisenbahnwaggons auf dem stillgelegten Stuttgarter Nordbahnhof gelebt und gearbeitet hatte, musste im Mai der Riesenbaustelle Platz machen. Um sie nicht auf die Straße setzen zu müssen, spendete ihnen die Bahn ein Paar gebrauchter Bürocontainer als neue Bleibe und siedelte sie in einen anderen Güterbahnhof um.
Regisseur Bruno Berger-Gorski erkannte in ihnen die Bohèmiens unserer Tage: Künstler, die ein Leben unter einfachsten Bedingungen in Kauf nehmen, um ihre eigenen Projekte verwirklichen zu können – ganz so, wie sie Henri Murger Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Roman „Scènes de la vie de bohème“ beschrieben hatte, und wie sie mit Puccinis „La Bohème“ auf der Opernbühne endgültige Berühmtheit erlangten.
Also lässt Berger-Gorski Bühnenbildner Peer Palmowski ebenfalls zwei Container im Theater Hagen aufstellen, um seine Sänger-WG zu beherbergen. Es ist ein kleiner, sympathischer Einfall, der in seiner gelungenen Umsetzung einiges zur hohen atmosphärischen Dichte dieser Inszenierung beiträgt. Spektakulär ist das nicht, und Berger-Gorski versucht auch an keiner anderen Stelle, mit herausragender Originalität zu punkten. Etwas Besonderes ist dem Regisseur in seiner alten Heimatstadt Hagen dennoch gelungen, weil er die Feinheiten der Partitur im Spannungsfeld aus leichtem Humor und tiefer Tragik, jugendlichem Elan und großer Innigkeit mit sicherem Gespür und Timing auf die Bühne bringt.
Glücken konnte dies indes nur, weil die Besetzung es auch hergibt. Rafael Vázquez (Rodolfo), Raymond Ayers (Marcello), Frank Wong (Schaunard) und Rainer Zaun (Colline) sind gesanglich wie komödiantisch eine Traum-WG, die sich gut mit den enthusiastischen Habenichtsen identifizieren kann und sichtlich Spaß in ihren Rollen hat. Einen perfekten Einstand als neues Ensemblemitglied gibt daneben die amerikanische Sopranistin Jaclyn Bermudez als Mimì, die es vermag, eine kraftvolle Partie zu singen, ohne die nötige Zerbrechlichkeit und Zartheit im Ausdruck vermissen zu lassen.
Überhaupt wirkt und klingt das gesamte Ensemble ausgesprochen vital und energiegeladen. GMD Florian Ludwig spannt mit den Hagener Philharmonikern weite dynamische Bögen – durchaus weiter, als man es im kleinen, akustisch nicht einfachen Opernhaus gewohnt ist. Ludwig kann sich auf die stimmliche Durchschlagskraft dieser Besetzung allerdings auch verlassen und entlockt so seinem Orchester ein brillantes, plastisches Klangbild.
Regisseur Berger-Gorski zeigt eine anrührende „Bohème“, die selbst humoristische Gratwanderungen verträgt. Wenn Mimì am Ende auf einem „Bett“ stirbt, das aus einem alten Autositz und zwei Bierkästen besteht, wirkt dies keineswegs unpassend. Diese modernen Bohèmiens leben wenig romantisch am Rande der Verelendung und erscheinen dennoch nicht jammervoll. Eine weitere Botschaft liefert die Regie nicht – und tut auch gut daran.
„La Bohème“ I Theater Hagen I So 8.1., 15 Uhr I 02331 207 32 18
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